FSP-Übungsfall Müdigkeit und Blässe: Eisenmangelanämie
Eine 39-jährige Patientin stellt sich vor, weil sie seit einigen Monaten zunehmend müde und blass ist, bei Belastung schnell außer Atem kommt und sich ständig erschöpft fühlt. Auf dieser Seite findest du den ganzen Fall in den drei Teilen der Fachsprachprüfung: das Anamnesegespräch als Musterablauf, den ausgefüllten Anamnesebogen, einen Beispiel-Arztbrief und die Patientenvorstellung – dazu die wichtigsten Fachbegriffe in Laien- und Fachsprache.
1. Patientenrolle: Steckbrief
Übst du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner, bekommt diese Person den Steckbrief und die Antworten aus Abschnitt 2. Sie erzählt zuerst nur den Einstiegssatz und gibt alles Weitere erst preis, wenn du passend nachfragst.
| Name | Frau Aylin Yıldız |
| Alter | 39 Jahre |
| Ort | Sprechstunde |
| Leitsymptom | Zunehmende Müdigkeit, Blässe und Belastungsluftnot |
| Fachgebiet | Innere Medizin / Hämatologie |
| Lebenssituation | Erzieherin; verheiratet, 2 Kinder |
| Schwierigkeit | leicht |
Einstiegssatz der Patientin:
„Ich bin seit ein paar Monaten ständig müde und kraftlos. Schon wenn ich die Treppe hochgehe, komme ich außer Atem und mein Herz klopft. Meine Kolleginnen sagen, ich sähe blass aus.“
2. Musterablauf der Anamnese
So kann das Arzt-Patienten-Gespräch in diesem Fall ablaufen – gegliedert nach dem üblichen Anamnese-Schema: aktuelle Beschwerden, vegetative Anamnese, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese. Mit der Patientin sprichst du Alltagssprache; Fachbegriffe kommen erst im Arztbrief. Mehr Fragen und Formulierungen: Anamnese auf Deutsch.
Begrüßung und Einstieg
Ärztin/ArztGuten Tag, Frau Yıldız. Mein Name ist Dr. Müller, ich bin heute für Sie zuständig. Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht. Was führt Sie zu uns?
PatientinIch bin seit ein paar Monaten ständig müde und kraftlos. Schon wenn ich die Treppe hochgehe, komme ich außer Atem und mein Herz klopft. Meine Kolleginnen sagen, ich sähe blass aus.
1. Aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztSeit wann bestehen die Müdigkeit und die Luftnot, und wie haben sie sich entwickelt?
PatientinSeit etwa drei bis vier Monaten, und es ist langsam immer schlimmer geworden. Am Anfang dachte ich, ich hätte nur zu wenig geschlafen.
Ärztin/ArztHaben Sie neben der Luftnot auch Herzklopfen, Schwindel oder Kopfschmerzen?
PatientinJa, mein Herz klopft schnell, mir wird beim Aufstehen manchmal schwindelig, und ich habe öfter Kopfschmerzen.
Ärztin/ArztIst Ihnen an Haaren, Nägeln oder der Mundschleimhaut etwas aufgefallen?
PatientinMeine Nägel sind brüchig geworden, die Haare fallen mehr aus, und ich habe manchmal eingerissene Mundwinkel.
Ärztin/ArztHaben Sie manchmal ungewöhnliche Gelüste, zum Beispiel auf Eis oder andere ungenießbare Dinge?
PatientinJa, das ist mir peinlich, aber ich kaue in letzter Zeit ständig Eiswürfel, das kann ich gar nicht erklären.
2. Gynäkologische und Blutungsanamnese
Ärztin/ArztWie ist Ihre Monatsblutung — Dauer, Stärke und Regelmäßigkeit?
PatientinMeine Regel ist sehr stark und dauert oft sieben Tage. Ich muss die Binden sehr häufig wechseln und habe manchmal Klumpen.
Ärztin/ArztHaben Sie Blut im Stuhl bemerkt oder schwarzen Stuhlgang?
PatientinNein, das ist mir nicht aufgefallen. Der Stuhlgang war normal.
Ärztin/ArztWaren Sie schon einmal schwanger, und wie viele Geburten hatten Sie?
PatientinIch habe zwei Kinder, die Geburten sind sechs und vier Jahre her.
3. Ernährungsanamnese
Ärztin/ArztWie ernähren Sie sich — essen Sie regelmäßig Fleisch oder ernähren Sie sich vegetarisch?
PatientinIch esse seit etwa zwei Jahren kein Fleisch mehr, hauptsächlich Gemüse, Nudeln und Reis. Auf Eisen habe ich dabei ehrlich gesagt nicht geachtet.
4. Vorerkrankungen
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Vorerkrankungen bekannt, etwa Magen-Darm-Erkrankungen?
PatientinNein, eigentlich nicht. Ich hatte nur früher manchmal Magenbeschwerden, aber nichts Diagnostiziertes.
Ärztin/ArztWurde bei Ihnen schon einmal eine Blutarmut festgestellt?
PatientinBei einer Schwangerschaft hieß es einmal, mein Blutwert sei etwas niedrig, aber danach habe ich mich nicht mehr darum gekümmert.
5. Medikamente
Ärztin/ArztNehmen Sie regelmäßig Medikamente ein, auch Schmerzmittel oder Nahrungsergänzung?
PatientinNein, regelmäßig nichts. Gegen die Regelschmerzen nehme ich ab und zu Ibuprofen.
6. Allergien
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Allergien bekannt?
PatientinNein, mir ist nichts bekannt.
7. Noxen
Ärztin/ArztRauchen Sie oder trinken Sie Alkohol?
PatientinNein, ich rauche nicht und trinke keinen Alkohol.
8. Familien- und Sozialanamnese
Ärztin/ArztGibt es in Ihrer Familie Bluterkrankungen oder Blutarmut?
PatientinMeine Schwester hat auch oft mit niedrigen Eisenwerten zu tun, sonst ist mir nichts bekannt.
Ärztin/ArztWas machen Sie beruflich und wie ist Ihre familiäre Situation?
PatientinIch arbeite als Erzieherin, bin verheiratet und habe zwei Kinder. Der Alltag ist recht anstrengend.
Wenn die Patientin selbst fragt
PatientinFrau Doktor, ist das etwas Ernstes? Ich bin so oft erschöpft, dass ich mir Sorgen mache.
Ärztin/ArztIch verstehe Ihre Sorge gut. Ihre Beschwerden könnten zu einer Blutarmut passen, zum Beispiel durch Eisenmangel. Wichtig ist, dass wir die Ursache finden – auch weil Ihre Monatsblutung sehr stark ist. Dazu machen wir einige Untersuchungen und besprechen die Ergebnisse dann gemeinsam.
Ehrlich bleiben, nichts versprechen und auf die Untersuchung und das anschließende Gespräch verweisen.
Zusammenfassung und Abschluss
Ärztin/ArztVielen Dank. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe – bitte korrigieren Sie mich, wenn etwas nicht stimmt.
Ärztin/ArztGibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten, oder haben Sie Fragen an mich?
Ärztin/ArztAls Nächstes würde ich Sie gern körperlich untersuchen. Sind Sie damit einverstanden?
3. Ausgefüllter Anamnesebogen
So können deine Notizen am Ende des Gesprächs aussehen: Stichpunkte, schon in Fachsprache und mit üblichen Abkürzungen (J. = Jahre, Z. n. = Zustand nach, py = Packungsjahre, re./li. = rechts/links). Auf dieser Grundlage schreibst du danach den Arztbrief.
Anamnesebogen · Übungsfall 8
| Patientin | Frau Aylin Yıldız, 39 J. |
|---|---|
| Vorstellungsgrund | Müdigkeit, Leistungsminderung und Belastungsdyspnoe seit 3–4 Monaten |
| Verlauf | schleichend progredient |
| Begleitsymptome | Palpitationen, Schwindel beim Aufstehen, Kopfschmerzen; Blässe (fremdanamnestisch) |
| Haut / Haare / Nägel | brüchige Nägel, vermehrter Haarausfall, Mundwinkelrhagaden |
| Auffälliges Essverhalten | Pagophagie (ständiges Kauen von Eiswürfeln) |
| Gynäkologische Anamnese | Hypermenorrhoe, Menstruation ca. 7 Tage mit Koageln; 2 Geburten (vor 6 und 4 J.) |
| Blutungsanamnese | kein Blut im Stuhl, kein schwarzer Stuhl |
| Ernährung | seit ca. 2 J. fleischlos (v. a. Gemüse, Nudeln, Reis) |
| Vorerkrankungen | keine bekannt; früher unklare Magenbeschwerden; in einer Schwangerschaft erniedrigter Hb-Wert |
| Medikamente | keine Dauermedikation; gelegentlich Ibuprofen bei Regelschmerzen |
| Allergien | keine bekannt |
| Noxen | Nichtraucherin; kein Alkohol |
| Familienanamnese | Schwester mit niedrigen Eisenwerten |
| Sozialanamnese | Erzieherin; verheiratet, 2 Kinder |
4. Beispiel-Arztbrief (schriftliche Dokumentation)
Im zweiten Prüfungsteil dokumentierst du den Fall schriftlich – je nach Kammer als Arztbrief oder Dokumentationsbogen. Grundlage ist das Anamnesegespräch; Untersuchungsbefunde liegen in diesem Übungsfall noch nicht vor. Anamnese im Präteritum bzw. Präsens, Angaben der Patientin wahlweise in indirekter Rede (Konjunktiv I). Mehr dazu: Arztbrief in der Fachsprachprüfung.
Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,
wir berichten über Frau Aylin Yıldız, 39 Jahre, die sich heute in unserer Sprechstunde vorstellte.
Verdachtsdiagnose
Eisenmangelanämie, am ehesten durch chronischen Blutverlust bei Hypermenorrhoe und verminderte alimentäre Eisenzufuhr
Differenzialdiagnosen
- Anämie bei chronischer Erkrankung (Entzündungsanämie)
- Vitamin-B12- oder Folsäuremangelanämie
- Thalassämie oder andere Hämoglobinopathie
- Gastrointestinaler Blutverlust (z. B. Ulkus, Malignom, Malabsorption)
Anamnese
Frau Yıldız, 39 Jahre, stellte sich mit einer seit etwa drei bis vier Monaten langsam progredienten Symptomatik aus ausgeprägter Fatigue, Belastungsdyspnoe, Palpitationen, Schwindel und Kopfschmerzen bei blassem Hautkolorit vor. Als Sideropenie-typische Zeichen bestehen brüchige Nägel, verstärkter Haarausfall, Mundwinkelrhagaden sowie eine Pica-Symptomatik in Form von Pagophagie. Anamnestisch imponiert eine seit Längerem bestehende Hypermenorrhoe mit verlängerter und verstärkter Menstruation als wahrscheinliche Blutungsquelle. Ergänzend besteht seit etwa zwei Jahren eine fleischlose, eisenarme Ernährung. Ein gastrointestinaler Blutverlust wird anamnestisch verneint. Vorerkrankungen sind nicht bekannt, in einer früheren Schwangerschaft war ein grenzwertig niedriger Hämoglobinwert aufgefallen. Die Medikation beschränkt sich auf gelegentliches Ibuprofen bei Dysmenorrhoe. Allergien bestehen nicht, ein Nikotin- oder Alkoholkonsum wird verneint. Die Familienanamnese ist bezüglich Eisenmangel positiv.
Geplante Diagnostik
- Blutbild mit Erythrozytenindizes (MCV, MCH) und Retikulozyten; peripherer Ausstrich (Mikrozytose, Hypochromie)
- Eisenstoffwechsel: Ferritin, Transferrin, Transferrinsättigung, ggf. löslicher Transferrinrezeptor
- Entzündungsparameter (CRP) zur Abgrenzung der Entzündungsanämie
- Gynäkologische Abklärung der Hypermenorrhoe
- Bei fehlender gynäkologischer Ursache oder Alarmzeichen: gastrointestinale Abklärung (Gastro-/Koloskopie, Test auf okkultes Blut)
Procedere
Wird in der Prüfung im Arzt-Arzt-Gespräch mündlich besprochen – auf dieser Übungsseite bewusst nicht aufgeführt.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Checkliste: Das muss im Brief stehen
- Leitsymptom (Anämiesymptomatik: Fatigue, Belastungsdyspnoe, Blässe)
- Dauer und schleichender Verlauf
- Sideropenie-Zeichen (brüchige Nägel, Mundwinkelrhagaden, Pica/Pagophagie)
- Blutungsquelle: Hypermenorrhoe
- Ausschluss einer gastrointestinalen Blutung (Anamnese)
- eisenarme, fleischlose Ernährung
- frühere grenzwertige Anämie
- Medikation (NSAR), Allergien und Noxen
5. Patientenvorstellung beim Oberarzt
Im dritten Teil stellst du den Fall einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Prüfungskommission vor – knapp, strukturiert und in Fachsprache. Danach folgen meist Rückfragen. Mehr dazu: Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe.
„Ich möchte Ihnen Frau Yıldız vorstellen, eine 39-jährige Patientin, die sich mit einer seit drei bis vier Monaten schleichend zunehmenden Symptomatik aus ausgeprägter Müdigkeit, Belastungsluftnot, Herzklopfen und Blässe vorgestellt hat. Begleitend bestehen brüchige Nägel, Mundwinkelrhagaden und ein auffälliges Verlangen, Eiswürfel zu kauen. Bei gleichzeitig deutlicher Hypermenorrhoe und eisenarmer Ernährung lautet meine Verdachtsdiagnose eine Eisenmangelanämie.“
Mögliche Rückfragen
Welche Laborkonstellation erwarten Sie bei einer Eisenmangelanämie?▾
Typisch sind eine mikrozytäre, hypochrome Anämie mit erniedrigtem MCV und MCH, ein niedriges Ferritin als bester Marker der Speicher, ein erniedrigtes Serumeisen mit erniedrigter Transferrinsättigung sowie ein erhöhtes Transferrin. Das Ferritin kann bei begleitender Entzündung falsch normal sein.
Warum suchen Sie nach der Ursache des Eisenmangels?▾
Der Eisenmangel ist ein Symptom, nicht die Grunderkrankung. Hier ist die starke Monatsblutung die wahrscheinlichste Quelle; eine ernste Ursache wie eine Blutung im Magen-Darm-Trakt darf man aber nicht übersehen.
6. Fachbegriffe: Laiensprache ↔ Fachsprache
Vom Gespräch in den Arztbrief
| Die Patientin sagt | Im Arztbrief |
|---|---|
| „ständig müde und kraftlos“ | Fatigue, Abgeschlagenheit |
| „beim Treppensteigen außer Atem“ | Belastungsdyspnoe |
| „mein Herz klopft schnell“ | Palpitationen |
| „eingerissene Mundwinkel“ | Mundwinkelrhagaden |
| „ich kaue ständig Eiswürfel“ | Pagophagie (Form der Pica) |
| „meine Regel ist sehr stark“ | Hypermenorrhoe |
| „Blutarmut“ | Anämie |
Vom Fachbegriff zur Erklärung für die Patientin
| Fachbegriff | So erklärst du es |
|---|---|
| mikrozytäre hypochrome Anämie | eine Blutarmut mit besonders kleinen und blassen roten Blutkörperchen, typisch für Eisenmangel |
| Ferritin | der Speicherwert für Eisen im Körper — ein niedriger Wert zeigt leere Eisenspeicher an |
| Hypermenorrhoe | eine zu starke Monatsblutung, bei der ungewöhnlich viel Blut verloren geht |
| Mundwinkelrhagaden | schmerzhafte kleine Einrisse in den Mundwinkeln, die bei Eisenmangel auftreten können |
Verlinkte Begriffe stehen im Glossar Medizinische Fachbegriffe: Patientensprache → Fachsprache (mit Übersetzungen in 12 Sprachen).
FSP-Med: Fälle im Prüfungsablauf üben
Im FSP-Med-Modul der KLINIKFUCHS-App übst du Arzt-Patienten-Gespräche im FSP-Simulator, den Arztbrief und die Patientenvorstellung – mit Übersetzungshilfe in 13 Sprachen. Die App ist kostenlos: im Browser oder als iOS-App.
Übungsmaterial zum Sprachtraining, kein Ersatz für ärztliche Aus- und Weiterbildung und keine Behandlungsempfehlung. Prüfungsablauf und Anforderungen können je nach Ärztekammer und Bundesland variieren; verbindlich sind die Vorgaben der für dich zuständigen Kammer.