Arztbrief in der Fachsprachprüfung: Aufbau, Tempus und Konjunktiv
Im schriftlichen Teil der Fachsprachprüfung wechselst du die Sprachebene: Was die Patientin oder der Patient in Alltagssprache erzählt hat, formulierst du jetzt in präziser Fachsprache. Dabei zählt nicht nur der Wortschatz, sondern auch die Grammatik – vor allem das richtige Tempus und der Konjunktiv I für die indirekte Rede.
Worum es im schriftlichen Teil geht
Je nach Kammer schreibst du einen Arztbrief oder füllst einen Dokumentationsbogen aus. Die Grundlage ist fast immer das vorausgegangene Anamnesegespräch. Die Prüfenden achten darauf, ob die Angaben vollständig und richtig wiedergegeben sind, ob Fachbegriffe korrekt verwendet werden und ob der Text klar gegliedert ist. Eine gut strukturierte Anamnese macht dir das Schreiben deshalb deutlich leichter.
Der Aufbau eines Arztbriefs
Vorlagen unterscheiden sich von Haus zu Haus, das Grundgerüst ist aber sehr ähnlich:
- Kopf: Adressat (Hausärztin bzw. Hausarzt namentlich oder „Den behandelnden Hausarzt"), Patientendaten mit Name, Geburtsdatum, Aufnahme- und Entlassdatum.
- Anrede: „Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege," und ein Einleitungssatz.
- Diagnosen: Hauptdiagnose zuerst, danach Nebendiagnosen.
- Anamnese: aktuelle Beschwerden und Vorgeschichte.
- Befunde: körperlicher Untersuchungsbefund, Labor, Bildgebung.
- Verlauf: was während des Aufenthalts geschah.
- Empfehlungen / Procedere: die weiteren Schritte.
- Schluss: „Mit freundlichen kollegialen Grüßen" und Unterschriften.
Die Diagnosenliste
Die Hauptdiagnose ist die Erkrankung, die hauptsächlich zur Aufnahme geführt hat; sie steht oben. Darunter folgen die Nebendiagnosen, also Begleiterkrankungen. Frühere Eingriffe kennzeichnest du mit „Z. n." (Zustand nach), unsichere Diagnosen mit „V. a." (Verdacht auf). Verlangt deine Prüfung eine Kodierung, ergänzt du den ICD-10-Code. Achte darauf, dass jede Diagnose ein vollständiger Fachbegriff ist und keine Beschreibung in Alltagssprache.
Das richtige Tempus je Abschnitt
Eine einfache Eselsbrücke: Was passiert ist – Präteritum. Was jetzt ist – Präsens. Was empfohlen wird – Präsens oder höflicher Konjunktiv.
| Abschnitt | Tempus | Beispiel |
|---|---|---|
| Anamnese | Präteritum, Patientenangaben im Konjunktiv I | „Der Patient berichtete, er leide seit drei Tagen unter retrosternalen Schmerzen." |
| Aufnahmebefund | Präteritum | „Bei Aufnahme zeigte sich ein Patient in reduziertem Allgemeinzustand." |
| Verlauf | Präteritum, für Vorzeitiges Plusquamperfekt | „Im weiteren Verlauf besserte sich der Allgemeinzustand." · „Bereits zuvor war eine Gewichtsabnahme aufgefallen." |
| Beurteilung | Präsens | „Der Patient ist beschwerdefrei und mobil." |
| Empfehlungen | Präsens oder Konjunktiv II | „Wir bitten um …" · „Eine Wiedervorstellung sollte bei … erfolgen." |
Der häufigste Fehler ist ein ständiger Wechsel zwischen Perfekt und Präteritum. Im Arztbrief ist das Präteritum der Standard für Vergangenes – bleib dabei.
Konjunktiv I: Patientenangaben in indirekter Rede
Was die Patientin oder der Patient berichtet, gibst du in indirekter Rede wieder. Der Konjunktiv I zeigt dabei: Das ist eine Angabe der Person, keine eigene Feststellung. Deine eigenen Beobachtungen, etwa Untersuchungsbefunde, stehen dagegen im Indikativ.
| Direkte Rede | Indirekte Rede im Brief |
|---|---|
| „Ich habe Schmerzen." | Er gab an, er habe Schmerzen. |
| „Ich bin seit Tagen müde." | Sie gab an, sie sei seit Tagen müde. |
| „Ich kann nachts nicht schlafen." | Er berichtete, er könne nachts nicht schlafen. |
| „Wir haben keine Allergien bemerkt." | Die Eltern gaben an, sie hätten keine Allergien bemerkt. |
Die letzte Zeile zeigt die Ersatzregel: Wenn der Konjunktiv I genauso aussieht wie der Indikativ (sie haben), weichst du auf den Konjunktiv II aus (sie hätten). Alternativ kannst du einen Infinitiv verwenden: „Der Patient gab an, seit drei Tagen unter Schmerzen zu leiden."
Verben des Berichtens
Variiere die einleitenden Verben, damit der Text nicht eintönig wirkt: angeben, berichten, schildern, klagen über, beschreiben, verneinen, bejahen, einräumen. Für verneinte Symptome ist „verneinen" besonders praktisch: „Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust wurden verneint." Stehen Angabe und Befund im Widerspruch, hilft die Gegenüberstellung: „Anamnestisch keine Atemnot, klinisch jedoch eine erhöhte Atemfrequenz."
Standardphrasen, die Zeit sparen
- Einleitung: „Wir berichten über Herrn/Frau …, der/die sich vom … bis … in unserer stationären Behandlung befand."
- Aufnahmegrund: „Die Aufnahme erfolgte aufgrund von …"
- Anamnese: „Anamnestisch berichtete der Patient …" · „Die Patientin stellte sich mit … vor."
- Befunde: „Klinisch zeigte sich …" · „Laborchemisch fielen … auf." · „Sonographisch ergab sich …"
- Verlauf: „Im weiteren Verlauf kam es zu …" · „Komplikativ trat … auf."
- Empfehlungen: „Wir bitten um …" · „Bei Auftreten von … bitten wir um umgehende Wiedervorstellung."
- Schluss: „Für Rückfragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung."
Welche Schritte konkret im Abschnitt „Empfehlungen" stehen, ist eine fachliche Entscheidung. Für die Prüfung zählt die Sprache: vollständige Sätze, klare Zuständigkeit, höflicher Ton.
Von der Alltagssprache zur Fachsprache
Die Kernaufgabe ist die Übersetzung dessen, was du im Gespräch gehört hast:
| Im Gespräch | Im Arztbrief |
|---|---|
| „Mir ist übel, ich habe mich übergeben." | Nausea und einmaliges Erbrechen |
| „Ich huste ständig." | persistierender Husten |
| „Meine Haut juckt." | Pruritus |
| „Ich bin dauernd müde und schlapp." | Abgeschlagenheit / Fatigue |
| „Ich habe abgenommen, ohne es zu wollen." | ungewollter Gewichtsverlust |
| „Ich habe Blut im Urin." | Hämaturie |
Abkürzungen: sparsam und eindeutig
Im klinischen Alltag wimmelt es von Abkürzungen. In der Prüfung verwendest du nur solche, die allgemein üblich sind, und schreibst sie einheitlich. Zu den gängigen gehören:
- V. a. – Verdacht auf · Z. n. – Zustand nach · DD – Differenzialdiagnose
- AZ / EZ – Allgemeinzustand / Ernährungszustand
- o. B. – ohne Befund · bds. – beidseits
Bist du unsicher, ob eine Abkürzung bekannt ist, schreib den Begriff aus. Ein ausgeschriebenes Wort kostet dich wenige Sekunden, eine missverständliche Abkürzung dagegen Punkte.
So gehst du in der Prüfung vor
- Gliederung vorbereiten: Schreib die Abschnittsüberschriften gleich zu Beginn auf dein Notizblatt. So siehst du sofort, wo noch etwas fehlt.
- Im Gespräch stichwortartig mitschreiben: Notiere Zeitangaben, Zahlen, Namen und Allergien wörtlich – genau diese Details werden beim Schreiben gern vergessen.
- Erst vollständig, dann schön: Bring zuerst alle Informationen aufs Papier und feile danach an den Formulierungen.
- Zum Schluss Korrektur lesen: Prüf gezielt Tempus, Konjunktiv und die Schreibweise der Fachbegriffe.
Häufige Fehler im Arztbrief
- Patientenangaben im Indikativ, als wären sie gesicherte Befunde.
- Wechsel zwischen Perfekt und Präteritum innerhalb eines Abschnitts.
- Alltagswörter in der Diagnosenliste („Wasser in den Beinen").
- Abkürzungen, die nicht allgemein üblich sind.
- Fehlende Angaben, die im Gespräch genannt wurden – etwa Allergien oder die Sozialanamnese.
Die mündliche Variante desselben Falls – die Patientenvorstellung – erklärt der Ratgeber „Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe".
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Im Browser starten Im App Store ladenHinweis: Dieser Ratgeber behandelt ausschließlich Sprache und Gesprächsstruktur. Er enthält keine Behandlungs- oder Therapieempfehlungen. Ablauf und Anforderungen der Fachsprachprüfung legt die für dich zuständige Ärztekammer fest.