FSP-Übungsfall Kopfschmerzen: Migräne mit Aura
Eine 29-jährige Patientin stellt sich vor, weil sie seit mehreren Jahren immer wieder unter heftigen, meist einseitigen Kopfschmerzen leidet, die sie zunehmend im Alltag einschränken. Auf dieser Seite findest du den ganzen Fall in den drei Teilen der Fachsprachprüfung: das Anamnesegespräch als Musterablauf, den ausgefüllten Anamnesebogen, einen Beispiel-Arztbrief und die Patientenvorstellung – dazu die wichtigsten Fachbegriffe in Laien- und Fachsprache.
1. Patientenrolle: Steckbrief
Übst du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner, bekommt diese Person den Steckbrief und die Antworten aus Abschnitt 2. Sie erzählt zuerst nur den Einstiegssatz und gibt alles Weitere erst preis, wenn du passend nachfragst.
| Name | Frau Katharina Sommer |
| Alter | 29 Jahre |
| Ort | Sprechstunde |
| Leitsymptom | Wiederkehrende einseitige, pulsierende Kopfschmerzen |
| Fachgebiet | Neurologie |
| Lebenssituation | Projektmanagerin (Bildschirmarbeit, Termindruck); lebt mit Partner |
| Schwierigkeit | mittel |
Einstiegssatz der Patientin:
„Ich habe immer wieder starke Kopfschmerzen, meistens auf einer Seite. Es pocht dann richtig, und mir wird übel. Zuletzt ist es häufiger geworden, ungefähr zwei- bis dreimal im Monat, und ich muss mich dann hinlegen.“
2. Musterablauf der Anamnese
So kann das Arzt-Patienten-Gespräch in diesem Fall ablaufen – gegliedert nach dem üblichen Anamnese-Schema: aktuelle Beschwerden, vegetative Anamnese, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese. Mit der Patientin sprichst du Alltagssprache; Fachbegriffe kommen erst im Arztbrief. Mehr Fragen und Formulierungen: Anamnese auf Deutsch.
Begrüßung und Einstieg
Ärztin/ArztGuten Tag, Frau Sommer. Mein Name ist Dr. Müller, ich bin heute für Sie zuständig. Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht. Was führt Sie zu uns?
PatientinIch habe immer wieder starke Kopfschmerzen, meistens auf einer Seite. Es pocht dann richtig, und mir wird übel. Zuletzt ist es häufiger geworden, ungefähr zwei- bis dreimal im Monat, und ich muss mich dann hinlegen.
1. Aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztKönnen Sie mir den Kopfschmerz genauer beschreiben — wo genau sitzt er und wie fühlt er sich an?
PatientinMeistens auf der linken Seite, um die Schläfe und das Auge herum. Es ist ein Pochen und Hämmern, das mit dem Puls im Takt geht.
Ärztin/ArztWie lange dauert so eine Attacke, wenn Sie nichts dagegen tun?
PatientinWenn ich nichts nehme, hält es einen ganzen Tag an, manchmal bis in den nächsten Tag hinein.
Ärztin/ArztWird der Schmerz bei körperlicher Aktivität, etwa beim Treppensteigen, stärker?
PatientinJa, jede Bewegung macht es schlimmer. Am liebsten liege ich ganz still im Bett.
Ärztin/ArztBemerken Sie vor oder zu Beginn der Kopfschmerzen Seh- oder Gefühlsstörungen?
PatientinJa, oft sehe ich vorher etwa zwanzig Minuten lang flimmernde Zacken und Lichtblitze im rechten Gesichtsfeld. Danach beginnt der Kopfschmerz.
Ärztin/ArztStören Sie während der Attacke Licht, Geräusche oder Gerüche?
PatientinSehr. Ich ziehe die Vorhänge zu und will meine Ruhe. Helles Licht und Lärm sind unerträglich.
Ärztin/ArztGibt es Auslöser, die Sie beobachtet haben?
PatientinStress bei der Arbeit, wenig Schlaf und manchmal Rotwein. Auch kurz vor der Regelblutung kommt es häufiger.
2. Vegetative Anamnese
Ärztin/ArztIst Ihnen während der Attacke übel, oder müssen Sie erbrechen?
PatientinÜbel ist mir fast immer, und ein paarmal habe ich mich auch übergeben.
Ärztin/ArztWie sind Appetit, Schlaf und Ihr Gewicht sonst?
PatientinZwischen den Attacken normal, nur mein Schlaf ist wegen der Arbeit oft zu kurz.
3. Vorerkrankungen
Ärztin/ArztSind bei Ihnen andere Erkrankungen bekannt, zum Beispiel Bluthochdruck oder neurologische Erkrankungen?
PatientinNein, ich bin sonst gesund. Nur diese Kopfschmerzen begleiten mich seit dem Studium.
Ärztin/ArztWann hatten Sie die ersten solchen Kopfschmerzen, und hat sich der Charakter seither verändert?
PatientinSo mit neunzehn ging es los. Der Charakter ist gleich geblieben, nur die Häufigkeit hat zuletzt zugenommen.
4. Medikamente
Ärztin/ArztWelche Medikamente nehmen Sie regelmäßig oder bei Bedarf ein?
PatientinBei den Attacken nehme ich Ibuprofen. In letzter Zeit hilft es aber nicht mehr so gut.
Ärztin/ArztNehmen Sie die Antibabypille oder andere hormonelle Verhütungsmittel?
PatientinJa, ich nehme eine Pille zur Verhütung, seit etwa fünf Jahren.
Ärztin/ArztWie oft im Monat nehmen Sie insgesamt Schmerzmittel?
PatientinAn ungefähr sechs bis acht Tagen im Monat, je nachdem, wie oft die Kopfschmerzen kommen.
5. Allergien
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt?
PatientinGegen Pollen habe ich Heuschnupfen, sonst ist mir nichts bekannt.
6. Noxen
Ärztin/ArztRauchen Sie, und wenn ja, wie viel?
PatientinJa, etwa fünf Zigaretten am Tag, seit ungefähr zehn Jahren.
Ärztin/ArztWie sieht es mit Alkohol und Koffein aus?
PatientinAm Wochenende ein Glas Wein, und tagsüber zwei bis drei Kaffee.
7. Familien- und Sozialanamnese
Ärztin/ArztGibt es in Ihrer Familie ähnliche Kopfschmerzen?
PatientinMeine Mutter hatte früher auch immer Migräne, das hat sich mit den Wechseljahren gebessert.
Ärztin/ArztWas machen Sie beruflich, und wie ist Ihre aktuelle Lebenssituation?
PatientinIch arbeite als Projektmanagerin, viel am Bildschirm und unter Termindruck. Ich lebe mit meinem Partner zusammen.
Wenn die Patientin selbst fragt
PatientinFrau Doktor, ich habe Angst, dass ein Tumor dahintersteckt. Kann das sein?
Ärztin/ArztIch verstehe Ihre Sorge sehr gut. Ihre Schilderung passt typisch zu einer Migräne, die zwar sehr belastend, aber gutartig ist. Warnzeichen für etwas Gefährliches sehe ich bei Ihnen bisher nicht. Wenn Sie möchten, gehen wir die Warnzeichen gemeinsam durch.
Ehrlich bleiben, nichts versprechen und auf die Untersuchung und das anschließende Gespräch verweisen.
Zusammenfassung und Abschluss
Ärztin/ArztVielen Dank. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe – bitte korrigieren Sie mich, wenn etwas nicht stimmt.
Ärztin/ArztGibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten, oder haben Sie Fragen an mich?
Ärztin/ArztAls Nächstes würde ich Sie gern körperlich untersuchen. Sind Sie damit einverstanden?
3. Ausgefüllter Anamnesebogen
So können deine Notizen am Ende des Gesprächs aussehen: Stichpunkte, schon in Fachsprache und mit üblichen Abkürzungen (J. = Jahre, Z. n. = Zustand nach, py = Packungsjahre, re./li. = rechts/links). Auf dieser Grundlage schreibst du danach den Arztbrief.
Anamnesebogen · Übungsfall 4
| Patientin | Frau Katharina Sommer, 29 J. |
|---|---|
| Vorstellungsgrund | rezidivierende Kopfschmerzen, Frequenz zuletzt zunehmend (2–3×/Monat) |
| Lokalisation / Charakter | überwiegend li. temporal und periorbital; pulsierend-pochend |
| Dauer | unbehandelt ca. 1 Tag, teils bis in den Folgetag |
| Verstärkung | durch körperliche Aktivität |
| Aura | ca. 20 min Flimmerskotom (Zacken, Lichtblitze) im re. Gesichtsfeld vor Kopfschmerzbeginn |
| Begleitsymptome | Nausea, gelegentlich Emesis; Photo- und Phonophobie |
| Trigger | Stress, Schlafmangel, Rotwein, perimenstruell |
| Vegetative Anamnese | zwischen den Attacken unauffällig; Schlafdefizit (beruflich) |
| Vorerkrankungen | keine; Kopfschmerzen seit dem 19. Lj., Charakter unverändert |
| Medikamente | Ibuprofen bei Bedarf an 6–8 Tagen/Monat, nachlassende Wirkung; orales Kontrazeptivum seit ca. 5 J. |
| Allergien | Pollinosis |
| Noxen | Nikotin ca. 5 Zig./d seit ca. 10 J.; Alkohol am Wochenende (1 Glas Wein); 2–3 Tassen Kaffee/d |
| Familienanamnese | Mutter mit Migräne |
| Sozialanamnese | Projektmanagerin (Bildschirmarbeit, Termindruck); lebt mit Partner |
4. Beispiel-Arztbrief (schriftliche Dokumentation)
Im zweiten Prüfungsteil dokumentierst du den Fall schriftlich – je nach Kammer als Arztbrief oder Dokumentationsbogen. Grundlage ist das Anamnesegespräch; Untersuchungsbefunde liegen in diesem Übungsfall noch nicht vor. Anamnese im Präteritum bzw. Präsens, Angaben der Patientin wahlweise in indirekter Rede (Konjunktiv I). Mehr dazu: Arztbrief in der Fachsprachprüfung.
Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,
wir berichten über Frau Katharina Sommer, 29 Jahre, die sich heute in unserer Sprechstunde vorstellte.
Verdachtsdiagnose
Migräne mit Aura, zunehmende Attackenfrequenz mit Verdacht auf beginnenden Medikamentenübergebrauch
Differenzialdiagnosen
- Kopfschmerz vom Spannungstyp
- Cluster-Kopfschmerz
- Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz
- Sekundärer Kopfschmerz bei struktureller Läsion (z. B. Raumforderung, Gefäßprozess)
Anamnese
Frau Sommer, 29 Jahre, berichtet über seit dem 19. Lebensjahr rezidivierende, überwiegend linksseitige, pulsierende Kopfschmerzen von etwa einem Tag Dauer, die sich bei körperlicher Aktivität verstärken und von Übelkeit, gelegentlichem Erbrechen sowie Photo- und Phonophobie begleitet werden. Den Attacken geht regelhaft eine etwa 20-minütige visuelle Aura mit Flimmerskotom im rechten Gesichtsfeld voraus. Die Attackenfrequenz hat zuletzt auf zwei- bis dreimal monatlich zugenommen. Als Trigger werden Stress, Schlafmangel, Rotwein und die Perimenstruation angegeben. Die Akutmedikation mit Ibuprofen zeigt eine nachlassende Wirksamkeit bei einer Einnahme an sechs bis acht Tagen monatlich. An Risikofaktoren bestehen ein Nikotinabusus sowie die Einnahme eines kombinierten hormonellen Kontrazeptivums. Die Familienanamnese ist positiv (Mutter mit Migräne). Vorerkrankungen sind nicht bekannt, an Allergien besteht eine Pollinosis.
Geplante Diagnostik
- Ausführliche Anamnese und Führen eines Kopfschmerzkalenders
- Vollständige neurologische Untersuchung inklusive Hirnnerven- und Fundusstatus
- Blutdruckmessung und orientierende Laboruntersuchung
- Kraniale MRT bei atypischer Symptomatik, verändertem Charakter oder Warnzeichen (red flags)
- Bei fokal-neurologischen Auffälligkeiten weiterführende zerebrale Bildgebung und ggf. Gefäßdiagnostik
Procedere
Wird in der Prüfung im Arzt-Arzt-Gespräch mündlich besprochen – auf dieser Übungsseite bewusst nicht aufgeführt.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Checkliste: Das muss im Brief stehen
- Leitsymptom (einseitiger pulsierender Kopfschmerz)
- Attackendauer und -frequenz
- Aurasymptomatik vor Kopfschmerzbeginn
- Begleitsymptome (Übelkeit, Photo-/Phonophobie)
- Triggerfaktoren
- Akutmedikation und Einnahmehäufigkeit
- hormonelles Kontrazeptivum und Nikotinabusus
- positive Familienanamnese
5. Patientenvorstellung beim Oberarzt
Im dritten Teil stellst du den Fall einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Prüfungskommission vor – knapp, strukturiert und in Fachsprache. Danach folgen meist Rückfragen. Mehr dazu: Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe.
„Ich möchte Ihnen Frau Sommer vorstellen, eine 29-jährige Patientin mit seit dem 19. Lebensjahr bestehenden, rezidivierenden, überwiegend linksseitigen und pulsierenden Kopfschmerzen. Den Attacken geht eine visuelle Aura mit Flimmerskotom voraus, begleitet werden sie von Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit. Die Frequenz hat auf zwei- bis dreimal monatlich zugenommen, die Akutmedikation mit Ibuprofen wirkt zunehmend schlechter. Bei typischer Anamnese und positiver Familienanamnese lautet meine Verdachtsdiagnose eine Migräne mit Aura.“
Mögliche Rückfragen
Welche Warnzeichen würden Sie an einen sekundären Kopfschmerz denken lassen?▾
Ein plötzlicher Vernichtungskopfschmerz, ein neu aufgetretener oder im Charakter veränderter Kopfschmerz, Fieber und Meningismus, fokal-neurologische Ausfälle, eine Stauungspapille, ein erstmaliger Kopfschmerz jenseits des 50. Lebensjahrs sowie eine Verstärkung durch Husten oder Pressen.
Was spricht in der Anamnese für eine Migräne mit Aura?▾
Die rezidivierenden, einseitigen, pulsierenden Kopfschmerzen von etwa einem Tag Dauer mit Verstärkung bei Aktivität, die Begleitsymptome Übelkeit, Photo- und Phonophobie, die vorausgehende visuelle Aura von etwa 20 Minuten und die positive Familienanamnese.
6. Fachbegriffe: Laiensprache ↔ Fachsprache
Vom Gespräch in den Arztbrief
| Die Patientin sagt | Im Arztbrief |
|---|---|
| „es pocht, im Takt mit dem Puls“ | pulsierender Kopfschmerz |
| „flimmernde Zacken und Lichtblitze“ | visuelle Aura (Flimmerskotom) |
| „helles Licht ist unerträglich“ | Photophobie |
| „Lärm ist unerträglich“ | Phonophobie |
| „kurz vor der Regelblutung“ | perimenstruell |
| „Heuschnupfen“ | Pollinosis |
Vom Fachbegriff zur Erklärung für die Patientin
| Fachbegriff | So erklärst du es |
|---|---|
| Aura | vorübergehende Wahrnehmungsstörungen wie Flimmern oder Zickzacklinien vor dem Kopfschmerz |
| Photophobie | eine gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Licht |
| Flimmerskotom | ein flimmernder Fleck im Gesichtsfeld, in dem man vorübergehend schlechter sieht |
Verlinkte Begriffe stehen im Glossar Medizinische Fachbegriffe: Patientensprache → Fachsprache (mit Übersetzungen in 12 Sprachen).
FSP-Med: Fälle im Prüfungsablauf üben
Im FSP-Med-Modul der KLINIKFUCHS-App übst du Arzt-Patienten-Gespräche im FSP-Simulator, den Arztbrief und die Patientenvorstellung – mit Übersetzungshilfe in 13 Sprachen. Die App ist kostenlos: im Browser oder als iOS-App.
Übungsmaterial zum Sprachtraining, kein Ersatz für ärztliche Aus- und Weiterbildung und keine Behandlungsempfehlung. Prüfungsablauf und Anforderungen können je nach Ärztekammer und Bundesland variieren; verbindlich sind die Vorgaben der für dich zuständigen Kammer.