FSP-Übungsfall Sturz auf die Hand: Distale Radiusfraktur
Eine 68-jährige Patientin kommt in die Notaufnahme, nachdem sie auf glattem Boden gestürzt ist und sich mit der ausgestreckten rechten Hand abgefangen hat; das rechte Handgelenk ist nun stark geschwollen und schmerzhaft. Auf dieser Seite findest du den ganzen Fall in den drei Teilen der Fachsprachprüfung: das Anamnesegespräch als Musterablauf, den ausgefüllten Anamnesebogen, einen Beispiel-Arztbrief und die Patientenvorstellung – dazu die wichtigsten Fachbegriffe in Laien- und Fachsprache.
1. Patientenrolle: Steckbrief
Übst du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner, bekommt diese Person den Steckbrief und die Antworten aus Abschnitt 2. Sie erzählt zuerst nur den Einstiegssatz und gibt alles Weitere erst preis, wenn du passend nachfragst.
| Name | Frau Ingrid Hofmann |
| Alter | 68 Jahre |
| Ort | Notaufnahme |
| Leitsymptom | Schmerzhaft geschwollenes, fehlgestelltes Handgelenk nach Sturz |
| Fachgebiet | Unfallchirurgie/Orthopädie |
| Lebenssituation | lebt allein, 3. OG ohne Aufzug; Tochter wohnt in der Nähe; Rechtshänderin |
| Schwierigkeit | leicht |
Einstiegssatz der Patientin:
„Ich bin vorhin auf der nassen Treppe ausgerutscht und habe mich mit der rechten Hand abgefangen. Seitdem tut mein Handgelenk sehr weh, es ist ganz dick geworden und sieht irgendwie verbogen aus.“
2. Musterablauf der Anamnese
So kann das Arzt-Patienten-Gespräch in diesem Fall ablaufen – gegliedert nach dem üblichen Anamnese-Schema: aktuelle Beschwerden, vegetative Anamnese, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese. Mit der Patientin sprichst du Alltagssprache; Fachbegriffe kommen erst im Arztbrief. Mehr Fragen und Formulierungen: Anamnese auf Deutsch.
Begrüßung und Einstieg
Ärztin/ArztGuten Tag, Frau Hofmann. Mein Name ist Dr. Müller, ich bin heute für Sie zuständig. Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht. Was führt Sie zu uns?
PatientinIch bin vorhin auf der nassen Treppe ausgerutscht und habe mich mit der rechten Hand abgefangen. Seitdem tut mein Handgelenk sehr weh, es ist ganz dick geworden und sieht irgendwie verbogen aus.
1. Unfallhergang und aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztKönnen Sie mir genau schildern, wie der Sturz passiert ist?
PatientinIch bin die Kellertreppe hinuntergegangen, eine Stufe war nass, ich bin ausgerutscht und nach vorne gefallen. Reflexartig habe ich die rechte Hand ausgestreckt und mich darauf abgestützt.
Ärztin/ArztAuf welche Seite und wie sind Sie genau aufgekommen — auf die Handfläche oder den Handrücken?
PatientinAuf die rechte Hand, auf die offene Handfläche, das ganze Gewicht kam auf das Handgelenk.
Ärztin/ArztHaben Sie den Kopf angeschlagen oder das Bewusstsein verloren?
PatientinNein, ich bin nicht mit dem Kopf aufgeschlagen und war die ganze Zeit wach.
Ärztin/ArztKönnen Sie die Finger noch bewegen, und wie stark sind die Schmerzen?
PatientinDie Finger kann ich leicht bewegen, aber jede Bewegung im Handgelenk tut furchtbar weh, ich würde sagen eine Acht von zehn.
Ärztin/ArztHaben Sie ein Kribbeln, Taubheitsgefühl oder ist die Hand kalt geworden?
PatientinEin leichtes Kribbeln in den ersten drei Fingern habe ich schon, aber kalt ist die Hand nicht, sie ist normal warm.
2. Begleitverletzungen
Ärztin/ArztHaben Sie sich außer am Handgelenk noch woanders verletzt oder wehgetan?
PatientinDas Knie ist etwas aufgeschürft und tut ein bisschen weh, aber das ist nicht schlimm. Sonst nichts.
Ärztin/ArztHaben Sie Schmerzen an Schulter, Ellenbogen oder Nacken?
PatientinNein, der Arm und der Nacken sind in Ordnung, nur das Handgelenk.
3. Vorerkrankungen
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Vorerkrankungen bekannt, insbesondere Knochenschwund oder Schilddrüsenprobleme?
PatientinJa, vor zwei Jahren wurde bei mir eine Osteoporose festgestellt. Und die Schilddrüse ist etwas unterfunktioniert.
Ärztin/ArztSind Sie schon einmal gestürzt oder hatten Sie früher Knochenbrüche?
PatientinGestürzt bin ich in letzter Zeit öfter, weil mir manchmal schwindelig wird. Gebrochen habe ich mir aber noch nie etwas.
4. Medikamente
Ärztin/ArztWelche Medikamente nehmen Sie regelmäßig ein, und nehmen Sie Blutverdünner?
PatientinIch nehme L-Thyroxin für die Schilddrüse und ein Kalzium-Vitamin-D-Präparat für die Knochen. Blutverdünner nehme ich keine.
5. Allergien
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt, etwa gegen Schmerzmittel oder Betäubungsmittel?
PatientinGegen Penicillin bekomme ich einen Ausschlag. Sonst ist mir nichts bekannt.
6. Noxen
Ärztin/ArztRauchen Sie, und trinken Sie Alkohol?
PatientinNein, ich rauche nicht und trinke höchstens zu Weihnachten mal ein Glas Sekt.
7. Familien- und Sozialanamnese
Ärztin/ArztWie wohnen Sie, und haben Sie zu Hause Unterstützung?
PatientinIch wohne allein in einer Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug. Meine Tochter wohnt in der Nähe und hilft mir, wenn nötig.
Ärztin/ArztSind Sie Rechts- oder Linkshänderin?
PatientinIch bin Rechtshänderin, deshalb macht mir das gerade besonders Sorge, weil ja die rechte Hand betroffen ist.
Wenn die Patientin selbst fragt
PatientinFrau Doktor, muss das operiert werden, oder reicht ein Gips?
Ärztin/ArztDas kann ich Ihnen erst nach dem Röntgenbild sicher sagen. Sobald ich die Aufnahmen gesehen habe, bespreche ich das Ergebnis und alle Möglichkeiten in Ruhe mit Ihnen.
Ehrlich bleiben, nichts versprechen und auf die Untersuchung und das anschließende Gespräch verweisen.
Zusammenfassung und Abschluss
Ärztin/ArztVielen Dank. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe – bitte korrigieren Sie mich, wenn etwas nicht stimmt.
Ärztin/ArztGibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten, oder haben Sie Fragen an mich?
Ärztin/ArztAls Nächstes würde ich Sie gern körperlich untersuchen. Sind Sie damit einverstanden?
3. Ausgefüllter Anamnesebogen
So können deine Notizen am Ende des Gesprächs aussehen: Stichpunkte, schon in Fachsprache und mit üblichen Abkürzungen (J. = Jahre, Z. n. = Zustand nach, py = Packungsjahre, re./li. = rechts/links). Auf dieser Grundlage schreibst du danach den Arztbrief.
Anamnesebogen · Übungsfall 9
| Patientin | Frau Ingrid Hofmann, 68 J. |
|---|---|
| Vorstellungsgrund | Schmerz, Schwellung und Fehlstellung am re. Handgelenk nach Sturz |
| Unfallhergang | auf nasser Kellertreppe ausgerutscht; Sturz nach vorn mit Abstützen auf die ausgestreckte re. Hand (Handfläche) |
| Kopfanprall / Bewusstlosigkeit | verneint |
| Schmerz | NRS 8/10 bei Bewegung im Handgelenk; Fingerbeweglichkeit erhalten |
| Durchblutung / Sensibilität (anamnestisch) | Parästhesien Dig. I–III re.; Hand warm |
| Begleitverletzungen | Schürfwunde am Knie; Schulter, Ellenbogen und Nacken beschwerdefrei |
| Vorerkrankungen | Osteoporose (seit 2 J. bekannt), Hypothyreose; wiederholte Stürze bei Schwindel; keine früheren Frakturen |
| Medikamente | L-Thyroxin, Kalzium-Vitamin-D-Präparat; keine Blutverdünner |
| Allergien | Penicillin (Exanthem) |
| Noxen | Nichtraucherin; Alkohol sehr selten |
| Sozialanamnese | lebt allein, 3. OG ohne Aufzug; Tochter wohnt in der Nähe; Rechtshänderin |
4. Beispiel-Arztbrief (schriftliche Dokumentation)
Im zweiten Prüfungsteil dokumentierst du den Fall schriftlich – je nach Kammer als Arztbrief oder Dokumentationsbogen. Grundlage ist das Anamnesegespräch; Untersuchungsbefunde liegen in diesem Übungsfall noch nicht vor. Anamnese im Präteritum bzw. Präsens, Angaben der Patientin wahlweise in indirekter Rede (Konjunktiv I). Mehr dazu: Arztbrief in der Fachsprachprüfung.
Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,
wir berichten über Frau Ingrid Hofmann, 68 Jahre, die sich heute in unserer Notaufnahme vorstellte.
Verdachtsdiagnose
Distale Radiusfraktur rechts (V. a. Extensionsfraktur nach Colles), a. e. osteoporotisch bedingt
Differenzialdiagnosen
- Handgelenksdistorsion oder Kontusion ohne Fraktur
- Skaphoidfraktur (Kahnbeinbruch)
- Distale Ulnafraktur oder Abriss des Processus styloideus ulnae
- Perilunäre Luxation oder karpale Bandverletzung
Anamnese
Frau Hofmann, 68 Jahre, stellte sich notfallmäßig nach einem Sturz auf die ausgestreckte rechte Hand aus dem Stand vor. Klinisch imponieren am rechten Handgelenk eine schmerzhafte Schwellung, eine sichtbare Fehlstellung sowie ein deutlicher Druck- und Bewegungsschmerz. Die Finger sind aktiv beweglich; anamnestisch besteht eine Parästhesie im Versorgungsgebiet des Nervus medianus (Finger I bis III) bei intakter peripherer Durchblutung und normaler Hauttemperatur. Als Begleitverletzung findet sich lediglich eine oberflächliche Schürfwunde am Knie. An Vorerkrankungen sind eine Osteoporose, eine substituierte Hypothyreose sowie rezidivierende Schwindelereignisse mit Sturzneigung bekannt. Die Dauermedikation umfasst L-Thyroxin sowie eine Kalzium-Vitamin-D-Substitution; eine orale Antikoagulation besteht nicht. Es besteht eine Penicillinallergie.
Geplante Diagnostik
- Klinische Untersuchung mit Prüfung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität (pDMS), besonders des N. medianus
- Röntgen des Handgelenks in zwei Ebenen (dorsopalmar und seitlich)
- Beurteilung der Frakturmorphologie: Dislokation, Gelenkbeteiligung, Radiusverkürzung, palmare/dorsale Abkippung
- Bei komplexer intraartikulärer Fraktur ergänzende Computertomographie
- Bei klinischem Verdacht auf Begleitverletzung Zusatzaufnahmen (z. B. Kahnbeinserie)
Procedere
Wird in der Prüfung im Arzt-Arzt-Gespräch mündlich besprochen – auf dieser Übungsseite bewusst nicht aufgeführt.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Checkliste: Das muss im Brief stehen
- Unfallmechanismus (Sturz auf die ausgestreckte Hand) und betroffene Seite
- Leitbefunde (Schwellung, Fehlstellung, Druck-/Bewegungsschmerz)
- periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität (pDMS), insbesondere N. medianus
- Begleitverletzungen
- relevante Vorerkrankungen (Osteoporose, Sturzursache/Schwindel)
- Dauermedikation und Frage nach Antikoagulation
- Allergien (Penicillinallergie)
- Händigkeit und soziale Situation (Versorgung zu Hause)
5. Patientenvorstellung beim Oberarzt
Im dritten Teil stellst du den Fall einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Prüfungskommission vor – knapp, strukturiert und in Fachsprache. Danach folgen meist Rückfragen. Mehr dazu: Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe.
„Ich möchte Ihnen Frau Hofmann vorstellen, eine 68-jährige Patientin, die nach einem Sturz auf die ausgestreckte rechte Hand vorstellig wurde. Am rechten Handgelenk bestehen eine schmerzhafte Schwellung mit Fehlstellung sowie ein Druck- und Bewegungsschmerz; peripher zeigt sich eine Sensibilitätsstörung im Medianusgebiet bei erhaltener Durchblutung und Motorik. Bei bekannter Osteoporose lautet meine Verdachtsdiagnose eine distale Radiusfraktur des rechten Arms.“
Mögliche Rückfragen
Warum ist bei dieser Patientin die Sensibilitätsstörung im Medianusgebiet besonders wichtig?▾
Sie kann Ausdruck einer Kompression des Nervus medianus durch Schwellung und Fehlstellung sein, im Sinne eines akuten Karpaltunnelsyndroms. Deshalb dokumentiere ich den Befund genau und prüfe Durchblutung, Motorik und Sensibilität im Verlauf erneut.
Welche Differenzialdiagnosen bedenken Sie nach einem Sturz auf die ausgestreckte Hand?▾
Eine Distorsion oder Kontusion des Handgelenks ohne Fraktur, eine Skaphoidfraktur, eine distale Ulnafraktur bzw. einen Abriss des Processus styloideus ulnae sowie eine perilunäre Luxation oder karpale Bandverletzung.
6. Fachbegriffe: Laiensprache ↔ Fachsprache
Vom Gespräch in den Arztbrief
| Die Patientin sagt | Im Arztbrief |
|---|---|
| „das Handgelenk sieht verbogen aus“ | Fehlstellung |
| „es ist ganz dick geworden“ | Schwellung |
| „Kribbeln in den ersten drei Fingern“ | Parästhesien Dig. I–III (Medianusgebiet) |
| „Knochenschwund“ | Osteoporose |
| „die Schilddrüse ist unterfunktioniert“ | Hypothyreose |
| „das Knie ist aufgeschürft“ | Schürfwunde (Exkoriation) |
Vom Fachbegriff zur Erklärung für die Patientin
| Fachbegriff | So erklärst du es |
|---|---|
| distale Radiusfraktur | ein Bruch der Speiche nahe am Handgelenk |
| pDMS (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) | die Prüfung, ob die Hand gut durchblutet ist, sich bewegen lässt und normal fühlt |
Verlinkte Begriffe stehen im Glossar Medizinische Fachbegriffe: Patientensprache → Fachsprache (mit Übersetzungen in 12 Sprachen).
FSP-Med: Fälle im Prüfungsablauf üben
Im FSP-Med-Modul der KLINIKFUCHS-App übst du Arzt-Patienten-Gespräche im FSP-Simulator, den Arztbrief und die Patientenvorstellung – mit Übersetzungshilfe in 13 Sprachen. Die App ist kostenlos: im Browser oder als iOS-App.
Übungsmaterial zum Sprachtraining, kein Ersatz für ärztliche Aus- und Weiterbildung und keine Behandlungsempfehlung. Prüfungsablauf und Anforderungen können je nach Ärztekammer und Bundesland variieren; verbindlich sind die Vorgaben der für dich zuständigen Kammer.