Anamnese auf Deutsch: Fragen und Formulierungen für die Fachsprachprüfung
Das Anamnesegespräch ist der erste und oft längste Teil der Fachsprachprüfung. Geprüft wird dabei nicht, ob du die richtige Diagnose findest, sondern ob du ein strukturiertes, höfliches und verständliches Gespräch auf Deutsch führst. Mit einer festen Reihenfolge und einem Vorrat an fertigen Fragen gewinnst du Sicherheit – auch dann, wenn die Aufregung steigt.
Warum eine feste Reihenfolge hilft
Unter Prüfungsstress vergisst man leicht ganze Themenblöcke. Eine verinnerlichte Reihenfolge wirkt wie ein Geländer: Begrüßung und Anliegen, aktuelle Beschwerden, Begleitsymptome und vegetative Anamnese, Vorerkrankungen und Operationen, Medikamente und Allergien, Familien- und Sozialanamnese, zum Schluss eine Zusammenfassung. Wenn du diese Abfolge in jedem Übungsgespräch gleich durchläufst, musst du in der Prüfung nicht mehr über den Aufbau nachdenken, sondern nur noch über die Sprache.
Der Einstieg: Begrüßung und Anliegen
Die ersten Sätze prägen den Eindruck. Stell dich mit Namen und Funktion vor, biete einen Platz an und eröffne mit einer offenen Frage. Lass die Patientin oder den Patienten danach erst einmal erzählen – Pausen darfst du aushalten.
- „Guten Tag, mein Name ist Dr. Müller, ich bin Ihr behandelnder Arzt."
- „Bitte nehmen Sie Platz."
- „Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht."
- „Was führt Sie zu mir?" oder „Was führt Sie heute zu uns?"
- „Erzählen Sie mir bitte in Ruhe, was passiert ist."
Um zu zeigen, dass du zuhörst, eignen sich Paraphrasen: „Verstehe ich Sie richtig, dass …?" Höfliche Rückfragen formulierst du gern im Konjunktiv: „Dürfte ich kurz nachfragen?"
Fragetechnik: erst offen, dann gezielt
Bewährt hat sich die sogenannte Trichtertechnik: Du beginnst mit offenen Fragen, die zum Erzählen einladen, und wirst dann schrittweise konkreter.
- Offen: „Wie würden Sie die Beschwerden beschreiben?" · „Erzählen Sie mir mehr darüber."
- Geschlossen: „Haben Sie Fieber gemessen?" · „Strahlt der Schmerz in den Arm aus?"
- Quantifizierend: „Wie oft am Tag tritt das auf?" · „Wie hoch war die Temperatur?"
Vermeide Suggestivfragen wie „Sie haben doch sicher auch Übelkeit, oder?". Besser ist die neutrale Variante: „Haben Sie sonst noch Beschwerden bemerkt?"
Aktuelle Beschwerden: SOCRATES und OPQRST
Für die Beschreibung von Schmerzen und anderen Symptomen gibt es zwei verbreitete Merkhilfen aus dem Englischen. Beide decken weitgehend dieselben Punkte ab – such dir eine aus und bleib dabei. SOCRATES steht für Site, Onset, Character, Radiation, Associated symptoms, Time course, Exacerbating/relieving factors und Severity.
| Punkt | Worum es geht | Beispielfrage |
|---|---|---|
| Site | Lokalisation | „Wo genau spüren Sie den Schmerz? Können Sie mir mit dem Finger zeigen, wo es wehtut?" |
| Onset | Beginn | „Wann hat das angefangen – plötzlich oder allmählich?" |
| Character | Qualität | „Wie würden Sie den Schmerz beschreiben – stechend, brennend, drückend oder dumpf?" |
| Radiation | Ausstrahlung | „Strahlt der Schmerz irgendwohin aus?" |
| Associated | Begleitsymptome | „Haben Sie zusätzlich Übelkeit, Schwitzen oder Atemnot bemerkt?" |
| Time | Verlauf | „Wie hat sich der Schmerz seit Beginn verändert?" |
| Exacerbating | verstärkende und lindernde Faktoren | „Wodurch wird der Schmerz besser oder schlimmer?" |
| Severity | Stärke | „Auf einer Skala von 0 bis 10 – wie stark ist der Schmerz?" |
OPQRST (Onset, Provocation/Palliation, Quality, Region/Radiation, Severity, Time) ergänzt nützliche Formulierungen: „Was haben Sie gerade gemacht, als der Schmerz begann?", „Wodurch wird es schlimmer – Bewegung, Atmen, Essen?", „Tritt es in Wellen auf oder ist es konstant?"
Zeitlicher Verlauf und Schmerzcharakter
Zum Verlauf passen Fragen wie: „Kommt und geht der Schmerz, oder ist er die ganze Zeit gleich stark?", „Wird es von Tag zu Tag schlimmer?", „Wie lange dauert eine einzelne Episode?" und „Sind Sie zwischen den Episoden völlig beschwerdefrei?". Beim Schmerzcharakter hilft ein kleiner Wortschatz: stechend, brennend, drückend, dumpf, ziehend, kolikartig (wellenförmig), einschießend, kribbelnd, elektrisierend. Wichtig: Biete mehrere Adjektive an und lass die Person selbst wählen, statt ihr ein Wort in den Mund zu legen.
Begleitsymptome und vegetative Anamnese
Die vegetative Anamnese fragt Allgemeinfunktionen ab. Sie wirkt schnell wie ein Verhör – eine kurze Ankündigung macht den Übergang weicher: „Ich stelle Ihnen jetzt noch einige allgemeine Fragen."
- Fieber und Schwitzen: „Haben Sie Fieber gemessen – wie hoch und wie lange?" · „Schwitzen Sie nachts so stark, dass Sie die Bettwäsche wechseln müssen?"
- Gewicht und Appetit: „Haben Sie in letzter Zeit ungewollt abgenommen?" · „Wie ist Ihr Appetit?"
- Schlaf: „Wie schlafen Sie? Können Sie durchschlafen?"
- Verdauung: „Wie ist Ihr Stuhlgang? Gab es Veränderungen bei Farbe oder Konsistenz?"
- Wasserlassen: „Wie oft müssen Sie Wasser lassen? Haben Sie dabei Schmerzen?"
- Belastbarkeit: „Wie viele Stockwerke schaffen Sie, ohne stehen zu bleiben?"
- Genussmittel: „Rauchen Sie? Wenn ja, wie viel pro Tag und seit wann?" · „Wie viel Alkohol trinken Sie in der Woche?" · „Nehmen Sie andere Substanzen zu sich?"
Vorerkrankungen, Medikamente und Allergien
Eröffne jeden Block mit einer allgemeinen Frage und frag dann gezielt nach Organsystemen.
- „Sind bei Ihnen Vorerkrankungen bekannt?"
- „Haben Sie Probleme mit dem Herzen, der Lunge, dem Magen oder den Nieren?"
- „Waren Sie schon einmal stationär im Krankenhaus – und wenn ja, weshalb?"
- „Wurden Sie schon einmal operiert? Wann war das?"
- „Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig ein?"
- „Sind bei Ihnen Allergien bekannt – gegen Medikamente, Nahrungsmittel oder andere Stoffe?"
- „Was passiert genau, wenn Sie damit in Kontakt kommen?" · „Haben Sie einen Allergiepass?"
Familien- und Sozialanamnese
Hier geht es oft um private Themen. Ein kurzer Satz zur Begründung hilft: „Das frage ich alle Patientinnen und Patienten, weil es für das Gesamtbild wichtig ist."
- „Gibt es in Ihrer Familie bekannte Erkrankungen?"
- „Sind Ihre Eltern und Geschwister gesund?"
- „Was sind Sie von Beruf, und üben Sie ihn derzeit aus?"
- „Wie wohnen Sie – allein, mit Familie oder in einer Einrichtung?"
- „Kommen Sie im Alltag allein zurecht, zum Beispiel beim Waschen, Anziehen und Kochen?"
- „Waren Sie in den letzten Monaten im Ausland?"
- „Gibt es aktuell besondere Belastungen in Familie oder Beruf?"
Übergänge und Zusammenfassung
Kündige jeden Themenwechsel an („Ich würde Ihnen jetzt gerne einige Fragen zu Ihren Vorerkrankungen stellen. Ist das in Ordnung für Sie?"). Das nennt man Signposting. Schweift jemand ab, lenkst du höflich zurück: „Das verstehe ich gut. Darf ich kurz auf die Schmerzen zurückkommen?" Am Ende fasst du zusammen: „Lassen Sie mich kurz zusammenfassen, was Sie mir erzählt haben … Habe ich das so richtig verstanden?" – und fragst: „Gibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten?"
Patientenwörter richtig verstehen
Patientinnen und Patienten beschreiben Beschwerden mit Alltagswörtern. Im Gespräch bleibst du bei ihrer Sprache, für die Dokumentation brauchst du den Fachbegriff. Wie du ihn dann im Arztbrief einsetzt, erklären wir separat.
| Patient sagt | Fachbegriff |
|---|---|
| „Meine Beine sind so dick geworden." | periphere Ödeme |
| „Mir ist schwarz vor Augen geworden." | Synkope bzw. Präsynkope |
| „Ich bin außer Atem." | Dyspnoe |
| „Mein Herz stolpert." | Herzrhythmusstörung |
| „Ich habe Sodbrennen." | Pyrosis / Reflux |
| „Meine Haut ist gelb geworden." | Ikterus |
| „Ich habe einen Hexenschuss." | akute Lumbago |
Übersetze nicht vorschnell. Frag nach, was genau gemeint ist: „Was meinen Sie mit ‚schwarz vor Augen'? Waren Sie dabei bewusstlos?"
Häufige Fehler
- Fachbegriffe im Gespräch: „Haben Sie Dyspnoe?" versteht kaum jemand. Sag lieber: „Bekommen Sie schlecht Luft?"
- Zu früh geschlossene Fragen: Wer sofort mit Ja/Nein-Fragen beginnt, verpasst wichtige Informationen.
- Themen-Springen: Ohne Ankündigung wirkt jeder Wechsel abrupt.
- „Du" statt „Sie": Im Patientengespräch gilt immer die Sie-Form.
Nach der Anamnese folgt meist die Untersuchung – die passenden Anweisungen findest du im Ratgeber „Körperliche Untersuchung auf Deutsch".
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Im Browser starten Im App Store ladenHinweis: Dieser Ratgeber behandelt ausschließlich Sprache und Gesprächsstruktur. Er enthält keine Behandlungs- oder Therapieempfehlungen. Ablauf und Anforderungen der Fachsprachprüfung legt die für dich zuständige Ärztekammer fest.