FSP-Übungsfall Halbseitige Schwäche und Sprachstörung: Ischämischer Schlaganfall
Ein 71-jähriger Patient wird vom Rettungsdienst gebracht, weil er am Frühstückstisch plötzlich nicht mehr richtig sprechen konnte und der rechte Arm kraftlos wurde. Auf dieser Seite findest du den ganzen Fall in den drei Teilen der Fachsprachprüfung: das Anamnesegespräch als Musterablauf, den ausgefüllten Anamnesebogen, einen Beispiel-Arztbrief und die Patientenvorstellung – dazu die wichtigsten Fachbegriffe in Laien- und Fachsprache.
1. Patientenrolle: Steckbrief
Übst du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner, bekommt diese Person den Steckbrief und die Antworten aus Abschnitt 2. Sie erzählt zuerst nur den Einstiegssatz und gibt alles Weitere erst preis, wenn du passend nachfragst.
| Name | Herr Heinrich Bauer |
| Alter | 71 Jahre |
| Ort | Notaufnahme |
| Leitsymptom | Plötzliche halbseitige Schwäche und Sprachstörung |
| Fachgebiet | Neurologie |
| Lebenssituation | lebt mit Ehefrau im Haus mit Garten; bisher vollständig selbstständig |
| Schwierigkeit | schwer |
Einstiegssatz des Patienten:
„Heute Morgen beim Frühstück ging es auf einmal los. Meine rechte Hand wurde schwach, die Kaffeetasse ist mir aus der Hand gefallen, und ich konnte plötzlich nicht mehr richtig reden. Meine Frau hat sofort den Notruf gewählt.“
2. Musterablauf der Anamnese
So kann das Arzt-Patienten-Gespräch in diesem Fall ablaufen – gegliedert nach dem üblichen Anamnese-Schema: aktuelle Beschwerden, vegetative Anamnese, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese. Mit dem Patienten sprichst du Alltagssprache; Fachbegriffe kommen erst im Arztbrief. Mehr Fragen und Formulierungen: Anamnese auf Deutsch.
Begrüßung und Einstieg
Ärztin/ArztGuten Tag, Herr Bauer. Mein Name ist Dr. Müller, ich bin heute für Sie zuständig. Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht. Was führt Sie zu uns?
PatientHeute Morgen beim Frühstück ging es auf einmal los. Meine rechte Hand wurde schwach, die Kaffeetasse ist mir aus der Hand gefallen, und ich konnte plötzlich nicht mehr richtig reden. Meine Frau hat sofort den Notruf gewählt.
1. Aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztWann genau haben die Beschwerden begonnen, und was haben Sie in dem Moment gemacht?
PatientEs war heute gegen halb neun beim Frühstück. Ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, war die rechte Seite schwach.
Ärztin/ArztWelche Beschwerden hatten Sie genau — Arm, Bein, Gesicht, Sprache?
PatientDer rechte Arm war kraftlos, und mein Mund hing rechts etwas herunter. Die Wörter kamen verwaschen heraus, obwohl ich genau wusste, was ich sagen wollte.
Ärztin/ArztBestehen die Beschwerden jetzt noch, oder haben sie sich seither verändert?
PatientEtwas besser ist es schon geworden, aber der Arm ist immer noch schwächer als sonst, und das Sprechen fällt mir noch schwer.
Ärztin/ArztHatten Sie dabei Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel oder Übelkeit?
PatientKopfschmerzen hatte ich nicht. Für einen kurzen Moment konnte ich auf der rechten Seite nichts richtig sehen, das ist aber wieder weg.
Ärztin/ArztHatten Sie in den letzten Wochen schon einmal ähnliche Beschwerden?
PatientJetzt, wo Sie fragen — vor etwa zwei Wochen war meine Hand für ein paar Minuten taub und ungeschickt. Das ging von allein weg, deshalb bin ich nicht zum Arzt.
2. Vegetative Anamnese
Ärztin/ArztHatten Sie Fieber, Herzstolpern oder Luftnot in den letzten Tagen?
PatientManchmal spüre ich, dass mein Herz unregelmäßig schlägt und stolpert, so ein Flattern in der Brust. Fieber hatte ich nicht.
Ärztin/ArztWie sind Appetit, Schlaf und Wasserlassen?
PatientDas ist alles unauffällig, da habe ich keine Probleme.
3. Vorerkrankungen
Ärztin/ArztWelche Vorerkrankungen sind bei Ihnen bekannt?
PatientIch habe hohen Blutdruck und erhöhte Blutfette. Vor ein paar Jahren hat man mir gesagt, mein Herz schlage manchmal unregelmäßig, so ein Vorhofflimmern.
Ärztin/ArztIst das Vorhofflimmern behandelt worden, und nehmen Sie dagegen etwas ein?
PatientIch sollte eigentlich einen Blutverdünner nehmen, aber ich hatte Angst vor Blutungen und habe ihn vor einiger Zeit selbst abgesetzt.
4. Medikamente
Ärztin/ArztWelche Medikamente nehmen Sie aktuell tatsächlich ein?
PatientEine Tablette gegen den Blutdruck und eine gegen die Blutfette. Den Blutverdünner nehme ich, wie gesagt, nicht mehr.
Ärztin/ArztNehmen Sie Schmerzmittel oder andere Präparate ein?
PatientNein, sonst nichts.
5. Allergien
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt?
PatientNein, mir ist keine Allergie bekannt.
6. Noxen
Ärztin/ArztRauchen Sie oder haben Sie geraucht?
PatientIch habe früher geraucht, etwa dreißig Jahre lang eine Schachtel am Tag, aber vor zehn Jahren aufgehört.
Ärztin/ArztWie viel Alkohol trinken Sie?
PatientZum Abendessen ein Glas Wein, sonst nichts Besonderes.
7. Familien- und Sozialanamnese
Ärztin/ArztGibt es in Ihrer Familie Schlaganfälle oder Herzinfarkte?
PatientMein älterer Bruder hatte mit Ende sechzig einen Schlaganfall.
Ärztin/ArztWie leben Sie zu Hause, und kommen Sie im Alltag allein zurecht?
PatientIch lebe mit meiner Frau in einem Haus mit Garten und war bisher völlig selbstständig.
Wenn der Patient selbst fragt
PatientHerr Doktor, werde ich wieder ganz gesund, oder bleibe ich jetzt gelähmt?
Ärztin/ArztIch verstehe Ihre Angst sehr gut. Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sicher sagen. Gut ist, dass Sie so schnell hier sind. Wir untersuchen Sie jetzt sofort und machen ein Bild vom Kopf. Danach besprechen wir die Ergebnisse gemeinsam mit Ihnen und Ihrer Frau.
Ehrlich bleiben, nichts versprechen und auf die Untersuchung und das anschließende Gespräch verweisen.
Zusammenfassung und Abschluss
Ärztin/ArztVielen Dank. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe – bitte korrigieren Sie mich, wenn etwas nicht stimmt.
Ärztin/ArztGibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten, oder haben Sie Fragen an mich?
Ärztin/ArztAls Nächstes würde ich Sie gern körperlich untersuchen. Sind Sie damit einverstanden?
3. Ausgefüllter Anamnesebogen
So können deine Notizen am Ende des Gesprächs aussehen: Stichpunkte, schon in Fachsprache und mit üblichen Abkürzungen (J. = Jahre, Z. n. = Zustand nach, py = Packungsjahre, re./li. = rechts/links). Auf dieser Grundlage schreibst du danach den Arztbrief.
Anamnesebogen · Übungsfall 26
| Patient | Herr Heinrich Bauer, 71 J. |
|---|---|
| Vorstellungsgrund | akute Schwäche des re. Arms und Sprechstörung (Rettungsdienst) |
| Symptombeginn | heute ca. 08:30 Uhr beim Frühstück, schlagartig; Zeitpunkt genau bekannt |
| Symptome | Schwäche re. Arm (Tasse fallen gelassen); re. Mundwinkel hängend; verwaschene Sprache bei erhaltener Wortfindung; kurzzeitige Sehstörung im re. Gesichtsfeld |
| Verlauf | teilweise regredient; Armschwäche und Sprechstörung persistierend; Sehstörung vollständig regredient |
| Kopfschmerz | keiner |
| Vorgeschichte | vor ca. 2 Wochen Taubheit und Ungeschicklichkeit der re. Hand über einige Minuten, spontan regredient; keine ärztliche Vorstellung |
| Vegetative Anamnese | zeitweise Herzstolpern („Flattern in der Brust“); kein Fieber; Appetit, Schlaf und Miktion unauffällig |
| Vorerkrankungen | arterielle Hypertonie, Hyperlipidämie, Vorhofflimmern (seit einigen Jahren bekannt) |
| Medikamente | Antihypertensivum, Lipidsenker; Antikoagulans vor einiger Zeit eigenmächtig abgesetzt (Angst vor Blutungen) |
| Allergien | keine bekannt |
| Noxen | Ex-Raucher (ca. 30 J. 1 Schachtel/d, ca. 30 py; Nikotinkarenz seit 10 J.); Alkohol 1 Glas Wein zum Abendessen |
| Familienanamnese | älterer Bruder mit Schlaganfall Ende 60 |
| Sozialanamnese | lebt mit Ehefrau im Haus mit Garten; bisher vollständig selbstständig |
4. Beispiel-Arztbrief (schriftliche Dokumentation)
Im zweiten Prüfungsteil dokumentierst du den Fall schriftlich – je nach Kammer als Arztbrief oder Dokumentationsbogen. Grundlage ist das Anamnesegespräch; Untersuchungsbefunde liegen in diesem Übungsfall noch nicht vor. Anamnese im Präteritum bzw. Präsens, Angaben des Patienten wahlweise in indirekter Rede (Konjunktiv I). Mehr dazu: Arztbrief in der Fachsprachprüfung.
Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,
wir berichten über Herrn Heinrich Bauer, 71 Jahre, der sich heute in unserer Notaufnahme vorstellte.
Verdachtsdiagnose
Akuter ischämischer Schlaganfall im Mediastromgebiet links, am ehesten kardioembolisch bei Vorhofflimmern
Differenzialdiagnosen
- Transitorische ischämische Attacke (TIA) bei rascher Rückbildung
- Intrazerebrale Blutung
- Migräne mit Aura oder postiktale (Todd-)Parese
- Hypoglykämie oder andere metabolische bzw. toxische Ursache
Anamnese
Der Patient wurde notfallmäßig wegen eines akut aufgetretenen neurologischen Defizits vorgestellt. Fremd- und eigenanamnestisch wurde berichtet, um 08:30 Uhr seien schlagartig eine Schwäche von rechtem Arm und rechter Gesichtshälfte sowie eine verwaschene Sprache aufgetreten, begleitet von einer kurzzeitigen Sehstörung im rechten Gesichtsfeld. Die Symptome hätten sich seither teilweise zurückgebildet. Weiterhin gab er an, vor etwa zwei Wochen seien Gefühls- und Kraftstörungen der rechten Hand aufgetreten, die von selbst wieder verschwunden seien, im Sinne einer vorausgegangenen TIA-Episode. An Risikofaktoren seien eine arterielle Hypertonie, eine Hyperlipidämie und ein früherer Nikotinkonsum bekannt, ferner eine positive Familienanamnese; insbesondere sei ein Vorhofflimmern bekannt, die blutverdünnende Behandlung habe er jedoch eigenmächtig abgesetzt. An Medikamenten nehme er derzeit ein Antihypertensivum und ein Statin ein. Allergien seien nicht bekannt.
Geplante Diagnostik
- Sofortige kraniale Bildgebung: native CT und CT-Angiographie zum Ausschluss einer Blutung und zur Gefäßdarstellung
- Schnelltest Blutzucker, Vitalparameter, NIHSS-Erhebung
- EKG und Monitoring zur Erfassung von Vorhofflimmern
- Labor: Blutbild, Gerinnung inkl. INR, Elektrolyte, Nieren- und Leberwerte, Troponin
- Im Verlauf: MRT, extra- und intrakranielle Gefäßsonographie, Echokardiographie und Langzeit-EKG zur Ursachenklärung
Procedere
Wird in der Prüfung im Arzt-Arzt-Gespräch mündlich besprochen – auf dieser Übungsseite bewusst nicht aufgeführt.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Checkliste: Das muss im Brief stehen
- Leitsymptom (akute Hemiparese rechts, Dysarthrie)
- exakter Symptombeginn / Zeitfenster
- Verlauf (partiell regredient)
- vorausgegangene TIA-Episode
- kardiovaskuläre Risikofaktoren
- bekanntes Vorhofflimmern mit abgesetzter Antikoagulation
- aktuelle Medikation
- Allergien
5. Patientenvorstellung beim Oberarzt
Im dritten Teil stellst du den Fall einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Prüfungskommission vor – knapp, strukturiert und in Fachsprache. Danach folgen meist Rückfragen. Mehr dazu: Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe.
„Ich möchte Ihnen Herrn Bauer vorstellen, einen 71-jährigen Patienten mit akut um 08:30 Uhr aufgetretener, brachiofazialer Parese rechts und Dysarthrie, aktuell partiell regredient. Vor zwei Wochen bestand eine passagere sensomotorische Episode im Sinne einer TIA. Bei bekanntem, nicht antikoaguliertem Vorhofflimmern und vaskulärem Risikoprofil lautet meine Verdachtsdiagnose ein akuter ischämischer Schlaganfall im Versorgungsgebiet der linken Arteria cerebri media, am ehesten kardioembolisch.“
Mögliche Rückfragen
Warum ist der genaue Symptombeginn so wichtig?▾
Entscheidend ist der Zeitpunkt, zu dem der Patient zuletzt sicher beschwerdefrei war; danach richtet sich das Zeitfenster der Akutversorgung. Hier ist der Beginn mit 08:30 Uhr genau bekannt, weil die Symptome beim Frühstück vor Zeugen auftraten. Unklar wäre er zum Beispiel bei einem Schlaganfall, der erst beim Aufwachen bemerkt wird.
Wie grenzen Sie eine TIA von einem Schlaganfall ab, und was bedeutet die Episode vor zwei Wochen?▾
Eine TIA ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung durch eine fokale Ischämie ohne Nachweis eines Infarkts in der Bildgebung; die Symptome bilden sich meist innerhalb einer Stunde vollständig zurück. Hier bestehen die Ausfälle fort, deshalb gehe ich von einem Schlaganfall aus. Die Episode vor zwei Wochen war wahrscheinlich eine TIA – ein Warnzeichen mit deutlich erhöhtem Schlaganfallrisiko in den folgenden Tagen und Wochen, besonders bei Vorhofflimmern ohne Blutverdünnung.
6. Fachbegriffe: Laiensprache ↔ Fachsprache
Vom Gespräch in den Arztbrief
| Der Patient sagt | Im Arztbrief |
|---|---|
| „meine rechte Hand wurde schwach“ | Parese der rechten Hand |
| „mein Mund hing rechts etwas herunter“ | zentrale Fazialisparese rechts |
| „die Wörter kamen verwaschen heraus“ | Dysarthrie |
| „auf der rechten Seite nichts richtig sehen“ | passagere Gesichtsfeldstörung rechts (V. a. homonyme Hemianopsie) |
| „vor etwa zwei Wochen war meine Hand für ein paar Minuten taub und ungeschickt“ | transiente sensomotorische Störung (V. a. TIA) |
| „dass mein Herz unregelmäßig schlägt und stolpert“ | Palpitationen, Herzrhythmusstörung |
| „den Blutverdünner nehme ich, wie gesagt, nicht mehr“ | eigenmächtig abgesetzte Antikoagulation |
| „erhöhte Blutfette“ | Hyperlipidämie |
Vom Fachbegriff zur Erklärung für den Patienten
| Fachbegriff | So erklärst du es |
|---|---|
| Hemiparese | eine Schwäche oder Lähmung einer Körperhälfte |
| Dysarthrie | eine verwaschene, undeutliche Aussprache bei erhaltenem Sprachverständnis |
| transitorische ischämische Attacke (TIA) | eine vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns, deren Beschwerden sich vollständig zurückbilden |
Verlinkte Begriffe stehen im Glossar Medizinische Fachbegriffe: Patientensprache → Fachsprache (mit Übersetzungen in 12 Sprachen).
FSP-Med: Fälle im Prüfungsablauf üben
Im FSP-Med-Modul der KLINIKFUCHS-App übst du Arzt-Patienten-Gespräche im FSP-Simulator, den Arztbrief und die Patientenvorstellung – mit Übersetzungshilfe in 13 Sprachen. Die App ist kostenlos: im Browser oder als iOS-App.
Übungsmaterial zum Sprachtraining, kein Ersatz für ärztliche Aus- und Weiterbildung und keine Behandlungsempfehlung. Prüfungsablauf und Anforderungen können je nach Ärztekammer und Bundesland variieren; verbindlich sind die Vorgaben der für dich zuständigen Kammer.