FSP-Übungsfall Erster Krampfanfall: Erster generalisierter Anfall
Ein 24-jähriger Patient wird nach einem erstmaligen Krampfanfall vorgestellt, den seine Mitbewohnerin beobachtet hat. Er selbst kann sich an das Ereignis nicht erinnern. Auf dieser Seite findest du den ganzen Fall in den drei Teilen der Fachsprachprüfung: das Anamnesegespräch als Musterablauf, den ausgefüllten Anamnesebogen, einen Beispiel-Arztbrief und die Patientenvorstellung – dazu die wichtigsten Fachbegriffe in Laien- und Fachsprache.
1. Patientenrolle: Steckbrief
Übst du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner, bekommt diese Person den Steckbrief und die Antworten aus Abschnitt 2. Sie erzählt zuerst nur den Einstiegssatz und gibt alles Weitere erst preis, wenn du passend nachfragst.
| Name | Herr Daniel Roth |
| Alter | 24 Jahre |
| Ort | Notaufnahme |
| Leitsymptom | Erstmaliger generalisierter Krampfanfall mit Bewusstseinsverlust |
| Fachgebiet | Neurologie |
| Lebenssituation | Student (Maschinenbau); lebt mit Mitbewohnerin; Führerschein, fährt täglich Auto (Fahreignung relevant) |
| Schwierigkeit | mittel |
Einstiegssatz des Patienten:
„Ich soll heute Morgen einen Krampfanfall gehabt haben. Ich weiß davon nichts mehr — ich bin erst wieder auf dem Boden zu mir gekommen und war völlig durcheinander. Meine Mitbewohnerin sagt, ich hätte am ganzen Körper gezuckt.“
2. Musterablauf der Anamnese
So kann das Arzt-Patienten-Gespräch in diesem Fall ablaufen – gegliedert nach dem üblichen Anamnese-Schema: aktuelle Beschwerden, vegetative Anamnese, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese. Mit dem Patienten sprichst du Alltagssprache; Fachbegriffe kommen erst im Arztbrief. Mehr Fragen und Formulierungen: Anamnese auf Deutsch.
Begrüßung und Einstieg
Ärztin/ArztGuten Tag, Herr Roth. Mein Name ist Dr. Müller, ich bin heute für Sie zuständig. Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht. Was führt Sie zu uns?
PatientIch soll heute Morgen einen Krampfanfall gehabt haben. Ich weiß davon nichts mehr — ich bin erst wieder auf dem Boden zu mir gekommen und war völlig durcheinander. Meine Mitbewohnerin sagt, ich hätte am ganzen Körper gezuckt.
1. Aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztWas wissen Sie noch von heute Morgen, und was hat Ihre Mitbewohnerin gesehen?
PatientIch erinnere mich nur bis zum Frühstück. Meine Mitbewohnerin sagt, ich sei plötzlich steif geworden, umgefallen und hätte dann am ganzen Körper rhythmisch gezuckt, ungefähr eine Minute lang.
Ärztin/ArztHaben Sie vorher Vorzeichen bemerkt?
PatientNein, daran kann ich mich nicht erinnern. Es kam wohl aus heiterem Himmel.
Ärztin/ArztHaben Sie sich beim Anfall verletzt, auf die Zunge gebissen oder Urin verloren?
PatientJa, meine Zunge tut seitlich weh und ist blutig, und meine Hose war nass.
Ärztin/ArztWie ging es Ihnen nach dem Anfall?
PatientIch war danach total erschöpft und verwirrt, habe alles wie im Nebel wahrgenommen. Es hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert, bis ich wieder richtig da war. Der Kopf tut mir noch weh, und die Muskeln sind wie zerschlagen.
Ärztin/ArztHatten Sie früher schon einmal einen Krampfanfall?
PatientEinen richtigen Anfall hatte ich nie. Aber morgens hatte ich manchmal ein kurzes Zucken in den Armen, sodass mir die Kaffeetasse aus der Hand fiel. Darüber habe ich nie nachgedacht.
2. Vegetative Anamnese und mögliche Auslöser
Ärztin/ArztWie viel Schlaf hatten Sie in den letzten Tagen?
PatientSehr wenig. Ich hatte eine Prüfungsphase und war die letzten beiden Nächte fast durchgehend wach.
Ärztin/ArztHaben Sie gestern Alkohol getrunken oder Drogen genommen?
PatientGestern Abend war ich auf einer Party und habe ziemlich viel Alkohol getrunken. Sonst nehme ich nichts.
Ärztin/ArztHatten Sie zuletzt Fieber, Nackensteife oder einen Infekt?
PatientNein, Fieber oder Nackensteife hatte ich nicht.
3. Vorerkrankungen
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Vorerkrankungen bekannt?
PatientAls Kleinkind hatte ich wohl einmal einen Fieberkrampf, das haben mir meine Eltern erzählt. Sonst bin ich gesund.
Ärztin/ArztHatten Sie jemals einen Unfall mit Bewusstlosigkeit oder eine Gehirnerschütterung?
PatientNein, so etwas hatte ich nie.
4. Medikamente
Ärztin/ArztNehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?
PatientNein, gar keine.
5. Allergien
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt?
PatientNein, mir ist nichts bekannt.
6. Noxen
Ärztin/ArztWie viel Alkohol trinken Sie normalerweise, und rauchen Sie?
PatientUnter der Woche trinke ich fast nichts, am Wochenende auf Partys aber schon mal mehr. Ich rauche nicht.
Ärztin/ArztNehmen Sie Drogen wie Cannabis, Kokain oder Amphetamine?
PatientNein, davon lasse ich die Finger.
7. Familien- und Sozialanamnese
Ärztin/ArztGibt es in Ihrer Familie Epilepsie oder Krampfanfälle?
PatientEin Cousin von mir hat Epilepsie, soweit ich weiß seit der Jugend.
Ärztin/ArztWas machen Sie beruflich, und fahren Sie Auto?
PatientIch studiere Maschinenbau und habe einen Führerschein, den ich täglich für den Weg zur Uni brauche.
Wenn der Patient selbst fragt
PatientHerr Doktor, darf ich denn jetzt noch Auto fahren? Ich brauche das Auto dringend.
Ärztin/ArztIch verstehe, dass das für Sie sehr wichtig ist. Bis wir mehr wissen, fahren Sie bitte zu Ihrer eigenen Sicherheit nicht selbst. Zuerst klären wir mit einigen Untersuchungen, was hinter dem Anfall steckt. Danach besprechen wir die Ergebnisse und die geltenden Regeln in Ruhe gemeinsam.
Ehrlich bleiben, nichts versprechen und auf die Untersuchung und das anschließende Gespräch verweisen.
Zusammenfassung und Abschluss
Ärztin/ArztVielen Dank. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe – bitte korrigieren Sie mich, wenn etwas nicht stimmt.
Ärztin/ArztGibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten, oder haben Sie Fragen an mich?
Ärztin/ArztAls Nächstes würde ich Sie gern körperlich untersuchen. Sind Sie damit einverstanden?
3. Ausgefüllter Anamnesebogen
So können deine Notizen am Ende des Gesprächs aussehen: Stichpunkte, schon in Fachsprache und mit üblichen Abkürzungen (J. = Jahre, Z. n. = Zustand nach, py = Packungsjahre, re./li. = rechts/links). Auf dieser Grundlage schreibst du danach den Arztbrief.
Anamnesebogen · Übungsfall 15
| Patient | Herr Daniel Roth, 24 J. |
|---|---|
| Vorstellungsgrund | erstmaliger, fremdbeobachteter Krampfanfall heute Morgen |
| Anfallsablauf (fremdanamnestisch) | laut Mitbewohnerin plötzliche Versteifung, Sturz, danach rhythmische Zuckungen des ganzen Körpers über ca. 1 min |
| Vorzeichen / Erinnerung | keine Vorzeichen erinnerlich; Amnesie für das Ereignis (Erinnerung bis zum Frühstück) |
| Begleitzeichen | lateraler Zungenbiss; Einnässen |
| Postiktal | Verwirrtheit und Erschöpfung ca. 30 min; anhaltende Kopfschmerzen, Muskelschmerzen |
| Vorgeschichte | kein früherer Anfall; gelegentlich morgendliche kurze Zuckungen der Arme (Tasse aus der Hand gefallen) |
| Provozierende Faktoren | Schlafentzug (Prüfungsphase, 2 Nächte nahezu ohne Schlaf); Alkoholexzess am Vorabend |
| Infektzeichen | kein Fieber, kein Meningismus |
| Vorerkrankungen | Fieberkrampf im Kleinkindalter; kein Schädel-Hirn-Trauma |
| Medikamente | keine |
| Allergien | keine bekannt |
| Noxen | Alkohol unter der Woche kaum, am Wochenende episodisch vermehrt; Nichtraucher; keine Drogen |
| Familienanamnese | Cousin mit Epilepsie seit der Jugend |
| Sozialanamnese | Student (Maschinenbau); lebt mit Mitbewohnerin; Führerschein, fährt täglich Auto (Fahreignung relevant) |
4. Beispiel-Arztbrief (schriftliche Dokumentation)
Im zweiten Prüfungsteil dokumentierst du den Fall schriftlich – je nach Kammer als Arztbrief oder Dokumentationsbogen. Grundlage ist das Anamnesegespräch; Untersuchungsbefunde liegen in diesem Übungsfall noch nicht vor. Anamnese im Präteritum bzw. Präsens, Angaben des Patienten wahlweise in indirekter Rede (Konjunktiv I). Mehr dazu: Arztbrief in der Fachsprachprüfung.
Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,
wir berichten über Herrn Daniel Roth, 24 Jahre, der sich heute in unserer Notaufnahme vorstellte.
Verdachtsdiagnose
Erster generalisierter tonisch-klonischer Anfall; Verdacht auf idiopathische generalisierte Epilepsie (juvenile myoklonische Epilepsie) bei provozierenden Faktoren
Differenzialdiagnosen
- Gelegenheitsanfall bei Schlafentzug und Alkohol (provozierter Anfall)
- Synkope mit konvulsiver Begleitsymptomatik
- Psychogener nichtepileptischer Anfall (dissoziativer Anfall)
- Symptomatischer Anfall bei struktureller, entzündlicher oder metabolischer Ursache
Anamnese
Der Patient wurde nach einem erstmaligen generalisierten tonisch-klonischen Anfall am Morgen des Vorstellungstages vorgestellt; der Anfall wurde von Dritten beobachtet. Fremdanamnestisch wurde berichtet, der Patient sei zunächst steif geworden und gestürzt, danach habe es über etwa eine Minute rhythmische Zuckungen beider Körperhälften gegeben; aufgefallen seien ein seitlicher Zungenbiss und ein Einnässen. Im Anschluss sei er über etwa 30 Minuten deutlich desorientiert und erschöpft gewesen und habe über Kopfschmerz und Muskelkater geklagt. Der Patient gab an, früher gelegentlich morgendliche Zuckungen der Arme bemerkt zu haben. Als mögliche Auslöser nannte er ausgeprägten Schlafmangel in der Prüfungsphase und einen Alkoholexzess am Vorabend. An Vorgeschichte sei ein Fieberkrampf im Kleinkindalter bekannt; in der Familienanamnese sei ein Cousin mit Epilepsie bekannt. Angaben zu regelmäßigen Medikamenten, Allergien, Drogenkonsum, Fieber und Nackensteife wurden verneint.
Geplante Diagnostik
- Detaillierte Eigen- und Fremdanamnese zum Anfallsablauf
- Vollständige neurologische und internistische Untersuchung
- Labor: Blutbild, Elektrolyte, Glukose, Nieren- und Leberwerte, CK, Prolaktin, Alkohol- und ggf. Drogenscreening
- Elektroenzephalographie (EEG), inklusive Schlafentzugs-EEG mit Photostimulation und Hyperventilation
- Kraniale MRT zum Ausschluss einer strukturellen Läsion
- Bei Verdacht auf Infektion oder ohne klare Ursache ggf. Liquordiagnostik
Procedere
Wird in der Prüfung im Arzt-Arzt-Gespräch mündlich besprochen – auf dieser Übungsseite bewusst nicht aufgeführt.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Checkliste: Das muss im Brief stehen
- Leitsymptom (erstmaliger generalisierter tonisch-klonischer Anfall, fremdanamnestisch)
- Anfallsablauf und Dauer
- typische Anfallszeichen (Zungenbiss lateral, Einnässen)
- postiktale Phase mit Verwirrtheit
- provozierende Faktoren (Schlafentzug, Alkohol)
- vorbestehende Myoklonien
- Eigen- und Familienanamnese (Fieberkrampf, Cousin mit Epilepsie)
- Fahreignung / Kraftfahrer relevant
5. Patientenvorstellung beim Oberarzt
Im dritten Teil stellst du den Fall einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Prüfungskommission vor – knapp, strukturiert und in Fachsprache. Danach folgen meist Rückfragen. Mehr dazu: Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe.
„Ich möchte Ihnen Herrn Roth vorstellen, einen 24-jährigen Patienten, der nach einem erstmaligen, fremdanamnestisch beobachteten generalisierten tonisch-klonischen Anfall vorgestellt wird. Der Anfall dauerte etwa eine Minute, es kam zu Sturz, lateralem Zungenbiss und Einnässen, gefolgt von einer postiktalen Verwirrtheit über eine halbe Stunde. Vorausgegangen waren erheblicher Schlafentzug und ein Alkoholexzess. Bei zusätzlich anamnestisch berichteten morgendlichen Myoklonien und positiver Familienanamnese lautet meine Verdachtsdiagnose ein erster generalisierter Anfall, differentialdiagnostisch im Rahmen einer juvenilen myoklonischen Epilepsie.“
Mögliche Rückfragen
Wie unterscheiden Sie anamnestisch einen epileptischen Anfall von einer konvulsiven Synkope?▾
Für einen epileptischen Anfall sprechen ein Beginn ohne typische Prodromi, ein lateraler Zungenbiss, Kloni über etwa eine Minute und vor allem eine längere postiktale Verwirrtheit sowie Muskelschmerzen danach. Bei der konvulsiven Synkope gibt es meist Auslöser wie langes Stehen oder Schmerz und Prodromi wie Schwarzwerden vor Augen und Schwitzen; die Zuckungen sind kurz und arrhythmisch, und die Betroffenen sind rasch wieder orientiert. Einnässen kommt bei beiden vor und hilft bei der Unterscheidung wenig.
Warum denken Sie an eine juvenile myoklonische Epilepsie?▾
Typisch sind der Beginn in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter, morgendliche Myoklonien der Arme kurz nach dem Aufwachen – etwa Gegenstände, die aus der Hand fallen – und generalisierte tonisch-klonische Anfälle, die häufig durch Schlafentzug und Alkohol provoziert werden. Im EEG erwarte ich generalisierte Polyspike-Wave-Komplexe, oft mit Photosensibilität.
6. Fachbegriffe: Laiensprache ↔ Fachsprache
Vom Gespräch in den Arztbrief
| Der Patient sagt | Im Arztbrief |
|---|---|
| „ich hätte am ganzen Körper gezuckt“ | generalisierte Kloni |
| „ich sei plötzlich steif geworden“ | tonische Phase |
| „meine Zunge tut seitlich weh und ist blutig“ | lateraler Zungenbiss |
| „meine Hose war nass“ | Urininkontinenz (Einnässen) |
| „total erschöpft und verwirrt“ | postiktale Verwirrtheit |
| „die Muskeln sind wie zerschlagen“ | Myalgien |
| „ein kurzes Zucken in den Armen“ | Myoklonien |
| „einen Fieberkrampf“ | Fieberkrampf im Kleinkindalter |
Vom Fachbegriff zur Erklärung für den Patienten
| Fachbegriff | So erklärst du es |
|---|---|
| generalisierter tonisch-klonischer Anfall | ein Krampfanfall des ganzen Körpers mit Versteifung, rhythmischem Zucken und Bewusstlosigkeit |
| postiktale Phase | der Zustand nach dem Anfall mit Verwirrtheit und Erschöpfung |
| Myoklonie | ein plötzliches, blitzartiges Muskelzucken |
| Aura | ein Vorgefühl oder ungewöhnliche Wahrnehmung kurz vor einem Anfall |
Verlinkte Begriffe stehen im Glossar Medizinische Fachbegriffe: Patientensprache → Fachsprache (mit Übersetzungen in 12 Sprachen).
FSP-Med: Fälle im Prüfungsablauf üben
Im FSP-Med-Modul der KLINIKFUCHS-App übst du Arzt-Patienten-Gespräche im FSP-Simulator, den Arztbrief und die Patientenvorstellung – mit Übersetzungshilfe in 13 Sprachen. Die App ist kostenlos: im Browser oder als iOS-App.
Übungsmaterial zum Sprachtraining, kein Ersatz für ärztliche Aus- und Weiterbildung und keine Behandlungsempfehlung. Prüfungsablauf und Anforderungen können je nach Ärztekammer und Bundesland variieren; verbindlich sind die Vorgaben der für dich zuständigen Kammer.