Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe: SBAR, ISBAR und Patientenvorstellung
Im Arzt-Arzt-Gespräch stellst du einen Fall einer Kollegin oder einem Kollegen vor – knapp, geordnet und in Fachsprache. Anders als im Patientengespräch sind Fachbegriffe hier ausdrücklich erwünscht. Entscheidend ist eine klare Struktur, damit dein Gegenüber in kurzer Zeit ein vollständiges Bild bekommt.
Was im Arzt-Arzt-Gespräch zählt
Die Prüfenden achten darauf, ob du die wichtigsten Informationen in einer sinnvollen Reihenfolge präsentierst, ob du Fachbegriffe korrekt einsetzt und ob du auf Rückfragen sicher reagierst. Die Grundlage ist meist derselbe Fall wie im Anamnesegespräch und im Arztbrief – nur diesmal mündlich und in verdichteter Form.
Die Patientenvorstellung in vier Schritten
Ein einfacher Ablauf, der auch in der Kurvenvisite funktioniert: Wer? – Warum aufgenommen? – Was bisher? – Was jetzt? Für eine kurze Vorstellung reichen oft ein bis zwei Minuten.
- Wer: „Ich möchte Ihnen Herrn Schmidt vorstellen, 68 Jahre alt, heute aufgenommen."
- Warum: „Er stellte sich mit seit drei Tagen bestehenden thorakalen Schmerzen vor."
- Was bisher: „Anamnestisch bestehen eine arterielle Hypertonie und ein Diabetes mellitus Typ 2. In der körperlichen Untersuchung zeigte sich …"
- Was jetzt: „Aktuell ist der Patient kreislaufstabil. Als Verdachtsdiagnose sehe ich …, differenzialdiagnostisch kommt … in Betracht."
Achte auf das Tempus: Die Aufnahmesituation erzählst du im Präteritum oder Perfekt, den aktuellen Zustand im Präsens, geplante Schritte im Präsens oder Futur.
SBAR: die Struktur für die Übergabe
SBAR ist eine Merkhilfe, die international in Kliniken verbreitet ist. Sie ordnet jede Übergabe in vier Teile. Das Beispiel ist bewusst allgemein gehalten – es geht um die Sprache.
| Teil | Inhalt | Formulierung |
|---|---|---|
| S – Situation | Wer spricht, um wen geht es, was ist das akute Problem? | „Mein Name ist Dr. Müller, Station 4B. Ich rufe an wegen Frau Keller, 78 Jahre, Zimmer 12. Sie hat seit einer Stunde zunehmende Atemnot." |
| B – Background | Relevante Vorgeschichte, Aufnahmegrund | „Sie wurde vor zwei Tagen wegen einer Pneumonie aufgenommen. Bekannt ist außerdem eine Herzinsuffizienz." |
| A – Assessment | Deine Einschätzung und aktuelle Werte | „Die Atemfrequenz ist erhöht, sie wirkt erschöpft. Ich mache mir Sorgen, dass sich ihr Zustand verschlechtert." |
| R – Recommendation | Deine konkrete Bitte mit Zeitrahmen | „Ich bitte Sie, sich die Patientin in den nächsten 15 Minuten anzusehen." |
Zum Abschluss lohnt sich eine Rückfrage: „Haben Sie noch Fragen, oder brauchen Sie weitere Informationen?"
ISBAR am Telefon
Am Telefon fehlt der Blickkontakt, deshalb wird SBAR um ein I für Identification erweitert: Du nennst zuerst dich selbst, deine Funktion und deinen Standort.
- „Hier spricht Dr. Müller, Assistenzärztin der Inneren Medizin, Station 4B."
- „Ich rufe an wegen eines auffälligen Befundes bei Herrn Weber."
- „Sie erreichen mich unter der Nummer 1234."
Zwei Techniken machen Telefonate sicherer:
- Read-back (Closed Loop): Wer eine Information erhält, wiederholt sie; wer sie gegeben hat, bestätigt. „Ich wiederhole: … – Ist das richtig?" – „Ja, korrekt."
- Buchstabieren: Namen buchstabierst du mit einer Buchstabiertafel: „Weber – Wilhelm, Emil, Berta, Emil, Richard."
Notiere nach dem Gespräch Uhrzeit, Gesprächspartner und Inhalt.
Die Dienstübergabe
Beim Schichtwechsel übergibst du oft viele Personen nacheinander. Hilfreich ist eine feste Reihenfolge pro Patientin oder Patient: Identifikation (Name, Alter, Zimmer, Hauptdiagnose), aktueller Zustand, offene Aufgaben in dieser Schicht, besondere Hinweise.
- „Zuerst die wichtigste Patientin: Frau Keller in Zimmer 12 – bitte heute Nacht im Blick behalten."
- „Offen ist noch die Laborkontrolle am Abend."
- „Die Tochter bittet um Rückruf, die Nummer steht in der Akte."
- „Es liegt eine Patientenverfügung vor, sie ist in der Akte hinterlegt."
- „Fassen Sie bitte kurz zusammen, was Sie mitgenommen haben?"
Konsil-Anfrage: höflich und präzise
Wenn du eine andere Fachabteilung um Mitbeurteilung bittest, braucht es eine klare Frage. „Schauen Sie mal drüber" ist keine Konsil-Anfrage.
- „Wir bitten um eine dermatologische Mitbeurteilung bei neu aufgetretenem Hautausschlag."
- „Unsere Fragestellung lautet: …"
- „Die Dringlichkeit schätzen wir als Routine / eilig ein."
- „Wir wären für Ihre Einschätzung dankbar."
- „Für Rückfragen erreichen Sie mich unter der Nummer 1234."
Visite am Bett: zwei Sprachebenen gleichzeitig
Bei der Visite sprichst du mit dem Team in Fachsprache, während die Patientin oder der Patient zuhört. Bezieh die Person ausdrücklich ein und übersetze, was gesagt wurde.
- „Herr Schmidt, ich stelle Sie kurz dem Team vor – Sie hören mit, und Sie können jederzeit nachfragen."
- „Herr Schmidt, haben Sie seit gestern noch Schmerzen?"
- „Damit ist gemeint: Ihr Herz pumpt etwas schwächer als normal."
- „Vielen Dank, Herr Schmidt, wir kommen später noch einmal vorbei."
Fachtermini, die im Kollegengespräch sitzen sollten
- Zeitlicher Verlauf: perakut (Minuten), akut (Stunden), subakut (Tage), chronisch.
- Entwicklung: progredient (zunehmend), regredient (abnehmend), rezidivierend (wiederkehrend), persistierend (anhaltend).
- Lage: proximal/distal, kranial/kaudal, medial/lateral, links/rechts/beidseits.
- Begriffe: Ätiologie (Ursache), Komorbidität (Begleiterkrankung), Prognose (erwarteter Verlauf).
Satzanfänge für eine flüssige Vorstellung
Mit einigen festen Satzanfängen klingt deine Vorstellung sicher, auch wenn du gerade nach dem nächsten Wort suchst:
- „Es handelt sich um eine 54-jährige Patientin, die sich mit … vorstellte."
- „Im Vordergrund stehen …"
- „Begleitend berichtete sie über …"
- „An Vorerkrankungen sind … bekannt."
- „Die Familienanamnese ist unauffällig." / „… ist bezüglich … positiv."
- „Zusammenfassend handelt es sich um …"
Häufige Fehler
- Chronologisch statt strukturiert: Wer die Anamnese einfach nacherzählt, verliert sein Gegenüber. Das Wichtigste gehört an den Anfang.
- Alltagssprache im Kollegengespräch: „Er hat Wasser in den Beinen" klingt hier unprofessionell – sag „periphere Ödeme".
- Keine konkrete Bitte: Eine Übergabe ohne „R" lässt offen, was du eigentlich möchtest.
- Zu leise und zu schnell: Sprich bewusst langsam und mach nach jedem Abschnitt eine kurze Pause.
Auf Rückfragen reagieren
Nach der Vorstellung stellen die Prüfenden oft Fragen. Wenn du etwas nicht weißt, bleib ruhig und formuliere es professionell:
- „Das hat die Patientin nicht erwähnt, das würde ich noch nacherfragen."
- „Da bin ich mir nicht sicher, das würde ich noch abklären."
- „Meinen Sie die Vorgeschichte oder den aktuellen Befund?"
- „Könnten Sie die Frage bitte wiederholen?"
Wie du mit Patientinnen und Patienten über schwierige Befunde sprichst, zeigt der Ratgeber „Schlechte Nachrichten überbringen: das SPIKES-Modell".
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