FSP-Übungsfall Zittern, Schwitzen, Verwirrtheit: Hypoglykämie
Eine 71-jährige Patientin wird von ihrer Tochter in die Notaufnahme begleitet, weil sie am Morgen plötzlich zittrig, schweißgebadet und verwirrt gewesen sei und kaum noch ansprechbar gewirkt habe. Auf dieser Seite findest du den ganzen Fall in den drei Teilen der Fachsprachprüfung: das Anamnesegespräch als Musterablauf, den ausgefüllten Anamnesebogen, einen Beispiel-Arztbrief und die Patientenvorstellung – dazu die wichtigsten Fachbegriffe in Laien- und Fachsprache.
📚 Das Krankheitsbild zum Nachlesen (Definition, Klinik, Diagnostik): Hypoglykämie
1. Patientenrolle: Steckbrief
Übst du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner, bekommt diese Person den Steckbrief und die Antworten aus Abschnitt 2. Sie erzählt zuerst nur den Einstiegssatz und gibt alles Weitere erst preis, wenn du passend nachfragst.
| Name | Frau Renate Bergmann |
| Alter | 71 Jahre |
| Ort | Notaufnahme |
| Leitsymptom | Zittern, Schwitzen und Verwirrtheit mit rascher Besserung nach Zuckergabe |
| Fachgebiet | Endokrinologie / Innere Medizin |
| Lebenssituation | lebt allein; Tochter wohnt in der Nähe und kommt täglich |
| Schwierigkeit | mittel |
Einstiegssatz der Patientin:
„Heute früh war mir ganz komisch. Ich habe am ganzen Körper gezittert, war schweißnass und konnte plötzlich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Meine Tochter sagt, ich hätte wirres Zeug geredet.“
2. Musterablauf der Anamnese
So kann das Arzt-Patienten-Gespräch in diesem Fall ablaufen – gegliedert nach dem üblichen Anamnese-Schema: aktuelle Beschwerden, vegetative Anamnese, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese. Mit der Patientin sprichst du Alltagssprache; Fachbegriffe kommen erst im Arztbrief. Mehr Fragen und Formulierungen: Anamnese auf Deutsch.
Begrüßung und Einstieg
Ärztin/ArztGuten Tag, Frau Bergmann. Mein Name ist Dr. Müller, ich bin heute für Sie zuständig. Alles, was wir besprechen, unterliegt der Schweigepflicht. Was führt Sie zu uns?
PatientinHeute früh war mir ganz komisch. Ich habe am ganzen Körper gezittert, war schweißnass und konnte plötzlich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Meine Tochter sagt, ich hätte wirres Zeug geredet.
1. Aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztKönnen Sie mir genau beschreiben, wie die Beschwerden heute Morgen begonnen haben?
PatientinEs kam ganz plötzlich, kurz bevor ich frühstücken wollte. Erst wurde mir zittrig und flau, dann brach mir der Schweiß aus und mein Herz raste.
Ärztin/ArztHatten Sie dabei auch Herzklopfen oder Sehstörungen?
PatientinJa, ich hatte richtig Herzklopfen und einen großen Hunger, und ich habe irgendwie verschwommen gesehen.
Ärztin/ArztWie ging es Ihnen, nachdem Sie etwas gegessen oder getrunken hatten?
PatientinMeine Tochter hat mir Traubenzucker und einen süßen Saft gegeben. Nach ein paar Minuten wurde es deutlich besser, jetzt fühle ich mich nur noch etwas erschöpft.
Ärztin/ArztIst Ihnen so etwas schon einmal früher passiert?
PatientinIn den letzten Wochen war mir zwei- oder dreimal morgens zittrig und schwindelig, aber so schlimm wie heute war es noch nie.
Ärztin/ArztHaben Sie heute Morgen normal gegessen, bevor die Beschwerden kamen?
PatientinNein, ich hatte noch nichts gegessen. Ich hatte gestern Abend auch wenig Appetit und nur eine Kleinigkeit zu Abend gegessen.
2. Vegetative Anamnese
Ärztin/ArztWie ist es in letzter Zeit mit Appetit, Gewicht und Schlaf?
PatientinDer Appetit ist wechselhaft, ich habe in den letzten Wochen etwas abgenommen. Der Schlaf ist eigentlich in Ordnung.
Ärztin/ArztHatten Sie Fieber, Übelkeit oder Durchfall in den letzten Tagen?
PatientinNein, Fieber nicht. Übelkeit hatte ich gestern etwas, deshalb habe ich auch weniger gegessen.
3. Vorerkrankungen
Ärztin/ArztWelche Vorerkrankungen sind bei Ihnen bekannt?
PatientinIch habe seit vielen Jahren Zuckerkrankheit, dazu Bluthochdruck und eine leichte Nierenschwäche, sagt mein Hausarzt.
Ärztin/ArztWie wird Ihre Zuckerkrankheit behandelt — mit Tabletten oder mit Insulin?
PatientinIch spritze Insulin, morgens und abends, und ich nehme zusätzlich noch eine Tablette gegen den Zucker.
Ärztin/ArztHaben Sie die Insulindosis in letzter Zeit verändert?
PatientinNein, da hat sich nichts geändert. Ich habe sie auch heute Morgen wie immer gespritzt, bevor ich merkte, dass ich gar nicht essen kann.
4. Medikamente
Ärztin/ArztWelche Medikamente nehmen Sie regelmäßig ein?
PatientinInsulin morgens und abends, eine Tablette Glibenclamid gegen den Zucker, ein Blutdruckmittel und eine Wassertablette.
Ärztin/ArztHat sich bei Ihren Tabletten in letzter Zeit etwas geändert?
PatientinMein Hausarzt hat die Zuckertablette vor Kurzem erhöht, weil der Langzeitwert wohl zu hoch war.
5. Allergien
Ärztin/ArztSind bei Ihnen Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt?
PatientinNein, mir ist nichts bekannt.
6. Noxen
Ärztin/ArztRauchen Sie oder haben Sie geraucht?
PatientinNein, ich habe nie geraucht.
Ärztin/ArztWie ist es mit Alkohol?
PatientinNur ganz selten ein Glas Wein zu einem Fest, sonst trinke ich keinen Alkohol.
7. Familien- und Sozialanamnese
Ärztin/ArztGibt es in Ihrer Familie Zuckerkrankheit oder andere Stoffwechselerkrankungen?
PatientinMeine Mutter hatte auch Zucker, sie hat aber nur Tabletten genommen.
Ärztin/ArztWie wohnen Sie und wer kümmert sich im Alltag um Sie?
PatientinIch wohne allein in einer Wohnung, meine Tochter wohnt in der Nähe und schaut jeden Tag nach mir.
Wenn die Patientin selbst fragt
PatientinFrau Doktor, war das jetzt ein Schlaganfall? Ich hatte solche Angst.
Ärztin/ArztIch verstehe Ihre Angst sehr gut. Dass es Ihnen nach dem Traubenzucker so schnell besser ging, spricht eher für eine Unterzuckerung. Um sicherzugehen, messe ich jetzt den Blutzucker und untersuche Sie gründlich. Danach besprechen wir die Ergebnisse gemeinsam.
Ehrlich bleiben, nichts versprechen und auf die Untersuchung und das anschließende Gespräch verweisen.
Zusammenfassung und Abschluss
Ärztin/ArztVielen Dank. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe – bitte korrigieren Sie mich, wenn etwas nicht stimmt.
Ärztin/ArztGibt es noch etwas, das Sie mir sagen möchten, oder haben Sie Fragen an mich?
Ärztin/ArztAls Nächstes würde ich Sie gern körperlich untersuchen. Sind Sie damit einverstanden?
3. Ausgefüllter Anamnesebogen
So können deine Notizen am Ende des Gesprächs aussehen: Stichpunkte, schon in Fachsprache und mit üblichen Abkürzungen (J. = Jahre, Z. n. = Zustand nach, py = Packungsjahre, re./li. = rechts/links). Auf dieser Grundlage schreibst du danach den Arztbrief.
Anamnesebogen · Übungsfall 19
| Patientin | Frau Renate Bergmann, 71 J. |
|---|---|
| Vorstellungsgrund | akut aufgetretenes Zittern, Schweißausbruch und Verwirrtheit heute Morgen (in Begleitung der Tochter) |
| Beginn / Situation | plötzlich, nüchtern vor dem Frühstück, nach der morgendlichen Insulininjektion ohne anschließende Nahrungsaufnahme |
| Symptome | Tremor, Kaltschweißigkeit, Palpitationen, Heißhunger, verschwommenes Sehen; Verwirrtheit, fremdanamnestisch wirre Sprache |
| Verlauf | nach Traubenzucker und süßem Saft (durch die Tochter) innerhalb weniger Minuten deutlich gebessert; jetzt noch Erschöpfung |
| Vorgeschichte | in den letzten Wochen 2–3× morgendliches Zittern und Schwindel, weniger ausgeprägt |
| Nahrungsaufnahme | am Vorabend Inappetenz und leichte Nausea, nur kleine Mahlzeit; heute nüchtern |
| Vegetative Anamnese | wechselnder Appetit, leichte Gewichtsabnahme in den letzten Wochen; Schlaf unauffällig; kein Fieber, keine Diarrhoe |
| Vorerkrankungen | langjähriger insulinpflichtiger Diabetes mellitus; arterielle Hypertonie; eingeschränkte Nierenfunktion |
| Medikamente | Insulin morgens und abends (unverändert), Glibenclamid (vom Hausarzt kürzlich gesteigert), Antihypertensivum, Diuretikum |
| Allergien | keine bekannt |
| Noxen | Nichtraucherin (nie geraucht); Alkohol sehr selten |
| Familienanamnese | Mutter mit Diabetes mellitus (Tabletten) |
| Sozialanamnese | lebt allein; Tochter wohnt in der Nähe und kommt täglich |
4. Beispiel-Arztbrief (schriftliche Dokumentation)
Im zweiten Prüfungsteil dokumentierst du den Fall schriftlich – je nach Kammer als Arztbrief oder Dokumentationsbogen. Grundlage ist das Anamnesegespräch; Untersuchungsbefunde liegen in diesem Übungsfall noch nicht vor. Anamnese im Präteritum bzw. Präsens, Angaben der Patientin wahlweise in indirekter Rede (Konjunktiv I). Mehr dazu: Arztbrief in der Fachsprachprüfung.
Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,
wir berichten über Frau Renate Bergmann, 71 Jahre, die sich heute in unserer Notaufnahme vorstellte.
Verdachtsdiagnose
Schwere Hypoglykämie bei insulinpflichtigem Diabetes mellitus, begünstigt durch Sulfonylharnstoff-Einnahme, Niereninsuffizienz und reduzierte Nahrungsaufnahme
Differenzialdiagnosen
- Zerebrale Ischämie / transitorische ischämische Attacke
- Kardiale Rhythmusstörung mit Synkope
- Epileptischer Anfall
- Delir anderer Ursache (z. B. Infekt, Exsikkose)
Anamnese
Die Patientin wurde in Begleitung ihrer Tochter vorgestellt. Die aktuelle Anamnese ergab, dass die Beschwerden heute früh akut aufgetreten seien: Zittern, Schweißausbruch, Herzklopfen, Heißhunger und verschwommenes Sehen, dazu eine zunehmende Benommenheit mit verwirrter Sprache. Sie gab an, die Beschwerden seien nüchtern nach der morgendlichen Insulindosis aufgetreten, ohne dass die Patientin etwas gegessen habe, und hätten sich nach Traubenzucker und einem glukosehaltigen Getränk binnen weniger Minuten deutlich gebessert. An Vorerkrankungen seien ein langjähriger insulinpflichtiger Diabetes mellitus, ein arterieller Hypertonus und eine eingeschränkte Nierenfunktion bekannt. An Dauermedikation nehme sie morgens und abends Insulin, Glibenclamid (vor Kurzem gesteigert), ein Antihypertensivum und ein Diuretikum ein. Weiterhin gab sie an, in den vergangenen Wochen morgens wiederholt unter Tremor und Schwindel gelitten zu haben; sie habe weniger gegessen und abgenommen. Allergien seien nicht bekannt, ein Nikotin- oder nennenswerter Alkoholkonsum wurde verneint.
Geplante Diagnostik
- Sofortige Bestimmung der kapillären Blutglukose (Whipple-Trias prüfen)
- Venöse Blutentnahme: Blutbild, Elektrolyte, Nierenwerte, Leberwerte, CRP, HbA1c
- Bei unklarer Genese: Bestimmung von Insulin, C-Peptid und ggf. Sulfonylharnstoff-Screening
- EKG und Kreislaufmonitoring
- Neurologische Untersuchung; bei persistierendem Defizit zerebrale Bildgebung (CT/MRT)
Procedere
Wird in der Prüfung im Arzt-Arzt-Gespräch mündlich besprochen – auf dieser Übungsseite bewusst nicht aufgeführt.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Checkliste: Das muss im Brief stehen
- Leitsymptom (adrenerge + neuroglykopene Symptomatik)
- akuter Beginn und nüchterne Auslösesituation
- rasche Besserung nach Kohlenhydratzufuhr
- insulinpflichtiger Diabetes mellitus
- kürzliche Steigerung von Glibenclamid
- eingeschränkte Nierenfunktion
- reduzierte Nahrungsaufnahme / Gewichtsabnahme
- Dauermedikation und Allergien
5. Patientenvorstellung beim Oberarzt
Im dritten Teil stellst du den Fall einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Prüfungskommission vor – knapp, strukturiert und in Fachsprache. Danach folgen meist Rückfragen. Mehr dazu: Arzt-Arzt-Gespräch und Übergabe.
„Ich möchte Ihnen Frau Bergmann vorstellen, eine 71-jährige Patientin mit insulinpflichtigem Diabetes mellitus, die heute Morgen nüchtern nach Insulingabe eine akute Symptomatik aus Tremor, Kaltschweißigkeit, Palpitationen, Heißhunger und einer Vigilanzminderung mit Verwirrtheit entwickelt hat. Nach oraler Glukosezufuhr kam es zu einer prompten Besserung. Bei zusätzlich kürzlich gesteigerter Glibenclamid-Einnahme, eingeschränkter Nierenfunktion und reduzierter Nahrungsaufnahme lautet meine Verdachtsdiagnose eine schwere Hypoglykämie.“
Mögliche Rückfragen
Was versteht man unter der Whipple-Trias?▾
Erstens Symptome, die zu einer Hypoglykämie passen, zweitens ein gleichzeitig gemessener niedriger Blutzucker und drittens die Besserung der Beschwerden nach Glukosezufuhr. Erst wenn alle drei Kriterien erfüllt sind, gilt eine Hypoglykämie als gesichert.
Welche Faktoren haben die Hypoglykämie bei dieser Patientin begünstigt?▾
Die Insulininjektion ohne anschließende Mahlzeit bei ohnehin reduzierter Nahrungsaufnahme, der kürzlich gesteigerte Sulfonylharnstoff Glibenclamid mit langer Wirkdauer und die eingeschränkte Nierenfunktion, durch die Glibenclamid und Insulin langsamer ausgeschieden werden. Dazu kommen das höhere Alter und die vorausgegangenen Episoden, die auf eine verminderte Hypoglykämiewahrnehmung hinweisen können.
6. Fachbegriffe: Laiensprache ↔ Fachsprache
Vom Gespräch in den Arztbrief
| Die Patientin sagt | Im Arztbrief |
|---|---|
| „ich habe am ganzen Körper gezittert“ | Tremor |
| „war schweißnass“ | Kaltschweißigkeit |
| „mein Herz raste“ | Tachykardie, Palpitationen |
| „einen großen Hunger“ | Heißhunger |
| „ich habe irgendwie verschwommen gesehen“ | Verschwommensehen |
| „keinen klaren Gedanken mehr fassen“ | Verwirrtheit (neuroglykopene Symptomatik) |
| „eine leichte Nierenschwäche“ | Niereninsuffizienz |
| „Zuckerkrankheit“ | Diabetes mellitus |
Vom Fachbegriff zur Erklärung für die Patientin
| Fachbegriff | So erklärst du es |
|---|---|
| Hypoglykämie | Unterzuckerung — der Blutzucker fällt so weit ab, dass der Körper und das Gehirn nicht mehr genug Energie bekommen |
| neuroglykopene Symptome | Beschwerden durch Zuckermangel im Gehirn, zum Beispiel Verwirrtheit, verwaschene Sprache oder Sehstörungen |
| Whipple-Trias | die drei zusammengehörenden Zeichen einer Unterzuckerung: passende Beschwerden, ein niedriger gemessener Zuckerwert und Besserung nach Zuckergabe |
| Sulfonylharnstoff | eine Gruppe von Zuckertabletten, die die Bauchspeicheldrüse zu mehr Insulinausschüttung anregt |
Verlinkte Begriffe stehen im Glossar Medizinische Fachbegriffe: Patientensprache → Fachsprache (mit Übersetzungen in 12 Sprachen).
FSP-Med: Fälle im Prüfungsablauf üben
Im FSP-Med-Modul der KLINIKFUCHS-App übst du Arzt-Patienten-Gespräche im FSP-Simulator, den Arztbrief und die Patientenvorstellung – mit Übersetzungshilfe in 13 Sprachen. Die App ist kostenlos: im Browser oder als iOS-App.
Übungsmaterial zum Sprachtraining, kein Ersatz für ärztliche Aus- und Weiterbildung und keine Behandlungsempfehlung. Prüfungsablauf und Anforderungen können je nach Ärztekammer und Bundesland variieren; verbindlich sind die Vorgaben der für dich zuständigen Kammer.