Schlechte Nachrichten überbringen: das SPIKES-Modell auf Deutsch
Ein auffälliger Befund, eine schwere Diagnose, eine Todesnachricht: Solche Gespräche sind in der Muttersprache schon anspruchsvoll – in einer Fremdsprache erst recht. Das SPIKES-Modell gibt dir einen roten Faden. Dieser Ratgeber zeigt die sechs Schritte mit deutschen Formulierungen, die ehrlich, klar und einfühlsam klingen.
Warum eine Struktur hilft
In schwierigen Gesprächen passiert oft zweierlei: Man redet zu schnell und zu viel Fachsprache – oder man weicht aus und bleibt unklar. SPIKES ordnet das Gespräch in sechs Schritte: Setting, Perception, Invitation, Knowledge, Emotions, Strategy/Summary. Du musst die englischen Begriffe nicht auswendig aufsagen; wichtig ist, dass du die Abfolge verinnerlichst.
S – Setting: den Rahmen schaffen
Such einen ruhigen Raum, setz dich auf Augenhöhe, schalte das Telefon stumm und plane genug Zeit ein. Frag, ob jemand dabei sein soll.
- „Ich möchte mit Ihnen in Ruhe über die Ergebnisse sprechen. Wollen wir uns hier hinsetzen?"
- „Möchten Sie, dass jemand aus Ihrer Familie dabei ist?"
- „Ich habe mir Zeit für Sie genommen – wir werden nicht gestört."
P – Perception: den Wissensstand erfragen
Bevor du informierst, findest du heraus, was die Person schon weiß oder vermutet. So kannst du an ihre Vorstellungen und auch an ihre Wortwahl anknüpfen.
- „Was wissen Sie bereits über Ihre Erkrankung?"
- „Was hat man Ihnen bisher zu den Untersuchungen gesagt?"
- „Haben Sie selbst eine Vermutung, woher die Beschwerden kommen?"
I – Invitation: fragen, wie viel jemand wissen möchte
Nicht jeder möchte alle Einzelheiten auf einmal hören. Frag nach und respektiere die Antwort.
- „Möchten Sie alle Details wissen, oder soll ich mich zunächst auf das Wichtigste beschränken?"
- „Wie ausführlich soll ich Ihnen die Ergebnisse erklären?"
K – Knowledge: die Nachricht klar mitteilen
Kündige die schlechte Nachricht mit einem Warnsatz an („warning shot"). Dann folgt die Information – in einfachen Worten, in kleinen Portionen und mit Pausen.
- „Ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie."
- „Die Untersuchung der Gewebeprobe hat gezeigt, dass es sich um eine bösartige Veränderung handelt."
- „Das bedeutet, dass die Gewebewucherung sich im Körper ausbreiten kann."
- (Pause) „Ich lasse Ihnen einen Moment."
Übersetze Fachbegriffe konsequent in Alltagssprache, zum Beispiel:
| Fachbegriff | Erklärung für Patientinnen und Patienten |
|---|---|
| maligner Tumor | „eine bösartige Gewebewucherung" |
| Metastasen | „Tochterabsiedlungen in anderen Organen" |
| Myokardinfarkt | „Ein Teil Ihres Herzmuskels hat zu wenig Sauerstoff bekommen und ist geschädigt." |
| Herzinsuffizienz | „Ihr Herz pumpt nicht mehr so kräftig wie früher." |
| Niereninsuffizienz | „Die Nieren können das Blut nicht mehr ausreichend reinigen." |
| Zufallsbefund | „etwas, das wir nebenbei entdeckt haben und genauer anschauen möchten" |
Auch Laborwerte brauchen eine Übersetzung: „Das ist ein Entzündungswert, der bei Infekten ansteigt." Eine Zahl allein sagt der Person nichts.
E – Emotions: Gefühle auffangen
Nach einer schlechten Nachricht reagieren Menschen mit Schock, Tränen, Schweigen oder Wut. Jetzt ist nicht der Moment für weitere Informationen, sondern für Empathie. Eine hilfreiche Ergänzung ist das Schema NURSE:
| Schritt | Formulierung |
|---|---|
| Naming – Gefühl benennen | „Ich sehe, dass Sie das sehr trifft." |
| Understanding – Verständnis zeigen | „Das ist eine völlig verständliche Reaktion." |
| Respecting – Respekt ausdrücken | „Sie haben in den letzten Wochen viel durchgemacht." |
| Supporting – Unterstützung anbieten | „Wir lassen Sie damit nicht allein." |
| Exploring – nachfragen | „Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?" |
Schweigen darfst du aushalten. Ein ruhiges „Nehmen Sie sich Zeit" ist oft besser als ein hastiger Satz.
S – Strategy and Summary: zusammenfassen und Verständnis sichern
Zum Schluss fasst du das Wichtigste zusammen, klärst offene Fragen und vereinbarst, wie es mit dem Gespräch weitergeht – zum Beispiel einen zweiten Termin oder eine feste Ansprechperson.
- „Lassen Sie mich das Wichtigste noch einmal zusammenfassen."
- „Damit ich sicher bin, dass ich es verständlich erklärt habe: Können Sie mir in Ihren eigenen Worten sagen, was Sie verstanden haben?"
- „Wie würden Sie Ihrer Familie erklären, was wir besprochen haben?"
- „Das war noch nicht klar genug – lassen Sie es mich anders erklären."
- „Soll ich Ihnen eine kleine Skizze machen?"
- „Wir sprechen morgen noch einmal in Ruhe. Bis dahin können Sie Ihre Fragen aufschreiben."
Diese Rückfrage heißt Teach-back. Wichtig ist die Haltung: Du prüfst deine eigene Erklärung, nicht das Verständnis deines Gegenübers.
Fragen nach dem Verlauf
„Wie lange habe ich noch?" ist eine der schwersten Fragen. Ehrlichkeit und Hoffnung schließen sich nicht aus.
- „Das kann ich Ihnen nicht auf den Tag genau sagen."
- „Statistiken beschreiben Gruppen, nicht einzelne Menschen – Ihr Verlauf kann anders sein."
- „Was ist Ihnen im Moment am wichtigsten?"
Die Todesnachricht an Angehörige
Hier gelten dieselben Prinzipien, nur noch klarer. Stell sicher, dass du mit den richtigen Angehörigen sprichst, und bereite einen ruhigen Raum vor. Verwende das Wort „verstorben" – Umschreibungen wie „eingeschlafen" oder „von uns gegangen" führen leicht zu Missverständnissen.
- „Ich habe leider eine sehr traurige Nachricht für Sie."
- „Ihre Mutter ist heute Nachmittag verstorben."
- „Es tut mir sehr leid für Ihren Verlust."
- „Möchten Sie wissen, wie es passiert ist?"
- „Möchten Sie sie noch einmal sehen? Wir begleiten Sie."
- „Die Formalitäten besprechen wir später – jetzt geht es erst einmal um Sie."
Wenn das Gespräch kippt
Manchmal schlägt Trauer in Wut um. Bleib ruhig, sprich langsamer und etwas tiefer, und nimm das Gefühl ernst, ohne dich zu rechtfertigen.
- „Ich verstehe, dass Sie wütend sind – das ist nachvollziehbar."
- „Was genau hat Sie so aufgebracht?"
- „Was würde Ihnen jetzt am meisten helfen?"
- „Ich verstehe Ihren Ärger, aber Beleidigungen kann ich nicht akzeptieren."
Wird es bedrohlich, geht deine eigene Sicherheit vor: Raum verlassen und Hilfe holen.
Mit Dolmetscherin oder Dolmetscher
Sprich die Patientin oder den Patienten direkt an („Sie", nicht „er" oder „sie"), setz dich so, dass ihr euch anschaut, und bilde kurze Sätze mit nur einer Information. Bitte darum, wörtlich und vollständig zu übersetzen. Kinder sollten nicht dolmetschen.
Häufige Fehler
- Mit der Diagnose ins Haus fallen: ohne Warnsatz und ohne vorher den Wissensstand zu klären.
- Zu viel auf einmal: Nach der Kernbotschaft wird kaum noch etwas aufgenommen.
- Fachsprache als Schutzschild: „Das Staging zeigt …" schafft Distanz statt Klarheit.
- Schweigen überspielen: Pausen gehören zum Gespräch.
Die Grundlagen der Gesprächsführung – offene Fragen, Paraphrasieren, Zusammenfassen – findest du im Ratgeber „Anamnese auf Deutsch". Wie du einen Fall anschließend an Kolleginnen und Kollegen übergibst, erklärt der Artikel zum Arzt-Arzt-Gespräch.
FSP-Med: Fachsprache täglich üben
Im KLINIKFUCHS-Modul FSP-Med übst du genau diese Formulierungen: Karteikarten mit Lücken, Patientengespräche zum Mitsprechen und eine simulierte Prüfung – kostenlos, mit Hilfen in 13 Sprachen.
Im Browser starten Im App Store ladenHinweis: Dieser Ratgeber behandelt ausschließlich Sprache und Gesprächsstruktur. Er enthält keine Behandlungs- oder Therapieempfehlungen. Ablauf und Anforderungen der Fachsprachprüfung legt die für dich zuständige Ärztekammer fest.