Tumorlysesyndrom
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- TLS, Tumorzerfallssyndrom, Tumorlyse, Zellzerfallssyndrom
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Hämatologie & Onkologie
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
Definition
Das Tumorlysesyndrom (TLS) ist eine metabolische Entgleisung durch den raschen Zerfall großer Mengen von Tumorzellen. Die freigesetzten intrazellulären Bestandteile führen zur typischen Konstellation aus Hyperurikämie, Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie und sekundärer Hypokalzämie. Harnsäure entsteht aus dem Abbau freigesetzter Nukleinsäuren. Harnsäure und Calciumphosphat können in den Nierentubuli ausfallen und ein akutes Nierenversagen verursachen; Calciumphosphat kann sich auch im Reizleitungssystem des Herzens ablagern.
Das TLS tritt meist wenige Tage nach Beginn zytostatisch wirksamer Medikamente auf, seltener spontan schon vor jeder Tumorbekämpfung. Am häufigsten betroffen sind rasch wachsende, große hämatologische Neoplasien wie aggressive Non-Hodgkin-Lymphome (besonders Burkitt-Lymphom und diffuses großzelliges B-Zell-Lymphom), akute lymphatische und akute myeloische Leukämie; bei soliden Tumoren ist es selten.
Klinik
Die Beschwerden spiegeln die Stoffwechselstörungen wider:
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit, Lethargie
- Muskelschmerzen und Muskelkrämpfe, Parästhesien
- Hypokalzämie: neuromuskuläre Übererregbarkeit mit Tetanie, Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen
- Hyperkaliämie: Muskelschwäche bis Lähmungen, Herzrhythmusstörungen
- Akutes Nierenversagen durch Uratnephropathie und Nephrokalzinose, mit Oligurie
- Synkopen, im schweren Fall plötzlicher Herztod
Diagnostik
Diagnosekriterien
Gebräuchlich sind die Kriterien nach Cairo und Bishop (2004), 2011 von Howard und Mitarbeitern modifiziert:
- Laborchemisches TLS: mindestens zwei der folgenden Veränderungen innerhalb von 3 Tagen vor bis 7 Tagen nach Beginn zytostatisch wirksamer Medikamente: Harnsäure ≥ 476 µmol/l (8 mg/dl), Kalium ≥ 6 mmol/l, Phosphat ≥ 1,45 mmol/l (Erwachsene), Calcium ≤ 1,75 mmol/l oder eine Änderung des jeweiligen Werts um 25 % gegenüber dem Ausgangswert.
- Klinisches TLS: laborchemisches TLS plus mindestens eine Organmanifestation: Kreatininanstieg auf > 1,5-fach der Norm, Herzrhythmusstörung oder plötzlicher Tod, Krampfanfall.
- Nach Howard zählen die Laborveränderungen nur, wenn sie gemeinsam innerhalb von 24 Stunden auftreten; eine bloße Änderung um 25 % gegenüber dem Ausgangswert genügt nicht mehr, und eine symptomatische Hypokalzämie gilt stets als Kriterium des klinischen TLS.
Untersuchungen
- Labor: Kalium, Phosphat, Calcium, Harnsäure, Kreatinin und Harnstoff; LDH als Marker eines hohen Zellumsatzes; Blutbild mit Leukozytenzahl.
- Befunde mit erhöhtem TLS-Risiko: hohe Tumorlast (Tumoren > 10 cm), Leukozytose (> 25.000/µl), LDH > 2-fach der Norm, vorbestehende Niereninsuffizienz oder erhöhte Harnsäure, Hypovolämie.
- EKG: Hyperkaliämie und Hypokalzämie können EKG-Veränderungen und Herzrhythmusstörungen verursachen.
- Urinmenge zur Erfassung einer Oligurie; andere Ursachen eines akuten Nierenversagens sind abzugrenzen.
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Hämatologie & Onkologie
- Anämie (Einteilung und Abklärung)
- Hämolytische Anämien
- Akute myeloische Leukämie (AML)
- Eisenmangelanämie
- Non-Hodgkin-Lymphome
- Vitamin-B12-Mangel und perniziöse Anämie
- Multiples Myelom (Plasmozytom)
- Paraneoplastische Syndrome
- Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA)
- Febrile Neutropenie
- Immunthrombozytopenie (ITP)
- Renale Anämie
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.