Reizdarmsyndrom
- Synonyme
- Reizdarm, RDS, Colon irritabile, funktionelle Darmbeschwerden, nervöser Darm, Reizkolon
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Gastroenterologie
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
Definition
Das Reizdarmsyndrom (RDS; engl. irritable bowel syndrome, IBS) ist durch wiederkehrende Bauchschmerzen gekennzeichnet, die mit mindestens zwei der folgenden Merkmale verbunden sind: Zusammenhang mit dem Stuhlgang, Änderung der Stuhlfrequenz oder Änderung der Stuhlkonsistenz. Es zählt zu den Störungen der Darm-Hirn-Interaktion (früher: funktionelle Magen-Darm-Erkrankung). In Labor, Bildgebung und Biopsien findet sich keine anatomische Ursache. Die Diagnose wird klinisch gestellt.
Einteilung
Nach dem vorherrschenden Stuhlverhalten werden unterschieden:
- Obstipations-prädominantes RDS (RDS-O): seltenere Stühle, harte oder klumpige Konsistenz
- Diarrhö-prädominantes RDS (RDS-D): häufigere, weiche Stühle
- Gemischtes bzw. alternierendes RDS (RDS-M): Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall
Bei den meisten Patienten ist das Stuhlmuster relativ konstant, ein Wechsel ist aber nicht ungewöhnlich.
Vorkommen & Epidemiologie
Das Reizdarmsyndrom beginnt meist im Jugend- und frühen Erwachsenenalter. Am häufigsten sind Frauen zwischen 20 und 40 Jahren betroffen; in manchen Bevölkerungen tritt es aber auch häufig bei Männern zwischen 16 und 30 Jahren sowie bei Erwachsenen im mittleren Lebensalter auf. Bei Menschen mit posturalem Tachykardiesyndrom (POTS) findet sich ein RDS in etwa 25 %.
Ätiopathogenese
Die Ursache ist nicht bekannt, die Pathophysiologie nur teilweise verstanden. Das RDS gilt heute als Zusammenspiel physiologischer und psychosozialer Faktoren; Gesicherte Risikofaktoren sind Darminfektionen, psychische Begleiterkrankungen, weibliches Geschlecht und ein Alter unter 40 Jahren. Emotionale Faktoren, Ernährung, Virusinfekte oder Hormone können Beschwerden auslösen oder verstärken.
Physiologische Faktoren der Darm-Hirn-Achse:
- Viszerale Hyperalgesie: Überempfindlichkeit gegenüber normaler Darmdehnung und normalen Gasmengen
- veränderte zentrale Reizverarbeitung, emotionale Erregung und Auffälligkeiten des präfrontalen Kortex
- gestörte Darmmotilität: langsamerer Kolontransit bei Verstopfung, schnellerer bei Durchfall; bei Beschwerden nach dem Essen ein überschießender gastrokolischer Reflex
- postinfektiöses RDS: 6–17 % der Betroffenen berichten über einen Beginn nach einer akuten Gastroenteritis
- geringgradige Schleimhautentzündung durch Immunaktivierung und veränderte Darmmikrobiota
- schlecht resorbierbare, fermentierbare Kohlenhydrate (FODMAP) können Motilität und Sekretion im Kolon steigern; Fett kann die Darmdurchlässigkeit und Überempfindlichkeit erhöhen
- hormonelle Schwankungen: Die rektale Empfindlichkeit ist während der Menstruation erhöht
Psychosoziale Faktoren: Psychische Belastung ist häufig, besonders bei Patienten, die ärztliche Hilfe suchen; Angststörungen, Depression, Somatisierungsstörungen und Schlafstörungen kommen gehäuft vor.
Klinik
Die Beschwerden treten schubweise in unregelmäßigen Abständen auf und wecken selten aus dem Schlaf; häufig werden sie durch Essen oder Stress ausgelöst. Typisch sind Bauchschmerzen, oft im Unterbauch, dauerhaft oder krampfartig und mit dem Stuhlgang verbunden, zusammen mit Änderungen von Stuhlfrequenz und -konsistenz. Hinzu kommen Pressen, Stuhldrang, ein Gefühl unvollständiger Entleerung, Schleimabgang sowie Blähungen und ein aufgetriebener Bauch. Viele Patienten haben zusätzlich dyspeptische Beschwerden. Außerhalb des Darms sind Müdigkeit, Fibromyalgie, Schlafstörungen und chronische Kopfschmerzen häufig.
Bei der Untersuchung wirken die Patienten meist gesund; mitunter besteht ein Druckschmerz, vor allem im linken Unterbauch, teils mit tastbarem, druckempfindlichem Sigma.
Warnzeichen (Red Flags), die eine weitergehende Diagnostik erfordern:
- Alter ab 50 Jahren
- Gewichtsverlust
- rektaler Blutabgang, Eisenmangelanämie
- familiäre Belastung mit Darmkrebs, chronisch-entzündlicher Darmerkrankung oder Zöliakie
- nächtliche Durchfälle
Auch neue oder veränderte Beschwerden im Verlauf (z. B. Fieber, anhaltendes Erbrechen, Fettstühle, Beschwerden, die aus dem Schlaf wecken, stetige Verschlechterung) weisen auf eine zusätzliche Erkrankung hin.
Diagnostik
Rom-IV-Kriterien
Die Rom-IV-Kriterien verlangen wiederkehrende Bauchschmerzen an im Mittel mindestens einem Tag pro Woche in den letzten drei Monaten bei Beschwerdebeginn vor mehr als sechs Monaten, verbunden mit mindestens zwei der folgenden Merkmale:
- Zusammenhang der Schmerzen mit der Defäkation
- Änderung der Stuhlfrequenz
- Änderung der Stuhlkonsistenz
Ohne Warnzeichen kann die Diagnose anhand dieser Kriterien gestellt werden.
Untersuchungen
- Anamnese: Schmerzcharakter, Stuhlgewohnheiten, Medikamente, Ernährung, familiäre Situation, psychische und körperliche Begleiterkrankungen, Lebensqualität
- Körperliche Untersuchung mit digital-rektaler Untersuchung und Test auf okkultes Blut; bei Frauen gynäkologische Untersuchung (Ovarialtumoren, Zysten, Endometriose)
- Labor: Blutbild und klinische Chemie einschließlich Leberwerten
- Bei Durchfall: Zöliakie-Serologie (Gewebstransglutaminase-IgA mit Gesamt-IgA), fäkales Calprotectin oder Laktoferrin und CRP oder BSG
- Bei Verstopfung: TSH und Kalzium
- Erregerdiagnostik (z. B. Giardia) nur bei begründetem Infektionsverdacht
- Koloskopie: Die Schleimhaut ist beim RDS unauffällig; bei chronischem Durchfall Biopsien zum Ausschluss einer mikroskopischen Kolitis
- weitere Tests (z. B. auf Kohlenhydratintoleranz, bakterielle Fehlbesiedlung, Pankreas-Elastase) nur bei entsprechenden Hinweisen
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Gastroenterologie
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.