Refeeding-Syndrom
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- Wiederernährungssyndrom, Refeeding, Realimentationssyndrom, Hypophosphatämie bei Wiederernährung
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Elektrolyte & Säure-Basen
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
Definition
Das Refeeding-Syndrom bezeichnet die metabolischen und klinischen Störungen, die bei mangelernährten oder längere Zeit hungernden Menschen auftreten können, wenn die Nahrungszufuhr wieder aufgenommen wird – oral, über eine Sonde oder parenteral. Dazu gehören Elektrolytverschiebungen (vor allem Hypophosphatämie, Hypokaliämie und Hypomagnesiämie), Flüssigkeitsretention mit Überwässerung, Hyperglykämie, Herzrhythmusstörungen und Durchfälle.
Vorkommen & Epidemiologie
Gefährdet sind vor allem Menschen mit Protein-Energie-Mangelernährung, etwa bei Anorexia nervosa, chronischer Alkoholkrankheit, tumorbedingter Kachexie, schweren Schluckstörungen oder bei älteren, mehrfach erkrankten Menschen. Eine klinisch bedeutsame akute Hypophosphatämie tritt typischerweise bei der Wiederernährung nach längerer Mangelernährung, unter parenteraler Ernährung und bei akuter Alkoholkrankheit auf.
Ätiopathogenese
Im Hungerzustand sind die Gesamtkörperbestände an Phosphat, Kalium, Magnesium und Thiamin oft erschöpft, während die Serumwerte noch normal sein können. Mit der erneuten Kohlenhydratzufuhr steigt die Insulinausschüttung; Glukose, Phosphat und Kalium werden in die Zellen aufgenommen, zum Beispiel für die Glykogenbildung. Dadurch fallen die Serumspiegel teils abrupt ab. Da Thiamin für den Glukosestoffwechsel benötigt wird, kann eine Glukosezufuhr einen vorbestehenden Thiaminmangel demaskieren oder verstärken. Zugleich werden Natrium und Wasser zurückgehalten.
Risikofaktoren
Ein hohes Risiko besteht nach den Kriterien der britischen NICE-Leitlinie bei mindestens einem der folgenden Merkmale:
- Body-Mass-Index unter 16 kg/m²
- ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 15 % in den letzten 3 bis 6 Monaten
- kaum oder keine Nahrungsaufnahme über mehr als 10 Tage
- niedrige Kalium-, Phosphat- oder Magnesiumspiegel vor Beginn der Ernährung
Ebenso gilt ein hohes Risiko bei mindestens zwei der folgenden Merkmale:
- Body-Mass-Index unter 18,5 kg/m²
- ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 10 % in den letzten 3 bis 6 Monaten
- kaum oder keine Nahrungsaufnahme über mehr als 5 Tage
- Alkoholmissbrauch oder bestimmte Medikamente in der Vorgeschichte
Klinik
- Flüssigkeitshaushalt und Herz: Ödeme, Überwässerung bis zur Herzinsuffizienz sowie Herzrhythmusstörungen.
- Hypophosphatämie: Muskelschwäche, respiratorische Insuffizienz, Herzinsuffizienz, Rhabdomyolyse, hämolytische Anämie, gestörte Funktion von Leukozyten und Thrombozyten sowie Enzephalopathie mit Krampfanfällen bis zum Koma.
- Hypokaliämie und Hypomagnesiämie: Muskelschwäche, Tetanie und Herzrhythmusstörungen.
- Thiaminmangel: Wernicke-Enzephalopathie mit Apathie, Nystagmus, Ataxie, Augenmuskelparesen und Bewusstseinsstörung.
- Stoffwechsel und Darm: Hyperglykämie und Durchfälle.
Diagnostik
- Risikoerkennung: Body-Mass-Index, ungewollter Gewichtsverlust in den letzten Monaten, Dauer der fehlenden oder geringen Nahrungsaufnahme, Alkoholanamnese und Begleiterkrankungen.
- Labor: Phosphat, Kalium, Magnesium, Natrium, Glukose und Nierenwerte vor Beginn und nach Wiederaufnahme der Ernährung. Eine Hypophosphatämie liegt unter 0,81 mmol/l vor; leicht 0,65 bis 0,81, mittelschwer 0,32 bis 0,65 und schwer unter 0,32 mmol/l.
- Klinische Zeichen: Gewichtsverlauf, Ödeme, Atemfrequenz, Puls und neurologische Auffälligkeiten.
- EKG: bei Elektrolytstörungen und Herzrhythmusstörungen.
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.