Hereditäre Sphärozytose (Kugelzellanämie)
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- Kugelzellanämie, Kugelzellenanämie, Sphärozytose, Morbus Minkowski-Chauffard, familiärer hämolytischer Ikterus
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Hämatologie & Onkologie
- Bilder
- Blutausstrich & Zytologie 1 · Histologie 1
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
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Blutausstrich & Zytologie
HistologieDefinition
Die hereditäre Sphärozytose (Kugelzellanämie) ist eine angeborene Membranerkrankung der Erythrozyten. Defekte von Membranskelettproteinen führen zu kugelförmigen, wenig verformbaren roten Blutkörperchen, die in der Milz vorzeitig abgebaut werden. Folge ist eine chronische, meist leichte bis mittelschwere hämolytische Anämie mit Ikterus und Splenomegalie.
Einteilung
Klinische Schweregrade
- Anlageträger: ohne Anämie, Ausstrich normal oder mit vereinzelten Sphärozyten
- Leichte Form (etwa 25–30 % der Betroffenen): keine oder nur geringe Anämie, Retikulozyten unter 6 %
- Mittelschwere Form (etwa 60–70 %): deutliche Anämie, Retikulozyten ab 6 %, Bilirubin erhöht
- Schwere Form (etwa 10 %) und sehr schwere Form (3–5 %): ausgeprägte Anämie, Retikulozyten über 10 %, Mikrosphärozyten und Poikilozytose
Vorkommen & Epidemiologie
Die Prävalenz in Deutschland wird auf etwa 1:2.500 bis 1:5.000 geschätzt. Bei Menschen mit nord- oder mitteleuropäischer Herkunft ist die hereditäre Sphärozytose mit Abstand die häufigste angeborene hämolytische Anämie, zählt aber zu den seltenen Erkrankungen.
Ätiopathogenese
Ursache sind Mutationen in den Genen für Ankyrin-1 (etwa 40–65 % in Mitteleuropa), Bande 3 (20–35 %), β-Spektrin (15–30 %), α-Spektrin und Protein 4.2 (jeweils unter 5 %). Die meisten Formen werden autosomal-dominant mit variabler Penetranz vererbt; ein Teil der Fälle beruht auf Neumutationen oder – seltener – rezessiver Vererbung. Viele Mutationen sind familienspezifisch.
Die gestörte Verbindung zwischen Membranskelett und Lipiddoppelschicht führt zum fortschreitenden Verlust von Membranoberfläche im Verhältnis zum Zellinhalt. Die kugelförmigen Zellen sind zu starr, um die Mikrozirkulation der Milz zu passieren, und werden dort abgebaut (intralienale, extravasale Hämolyse).
Klinik
Das Spektrum reicht von schweren Verläufen bereits im Kindesalter bis zu beschwerdefreien Erwachsenen, bei denen die Diagnose zufällig gestellt wird. Innerhalb einer Familie ist das Bild oft ähnlich, doch können wegen variabler Penetranz Generationen übersprungen werden.
- Anämie (Coombs-negativ), Ikterus mit erhöhtem indirektem Bilirubin
- Splenomegalie fast regelmäßig, mitunter Hepatomegalie
- Cholelithiasis (Pigmentsteine) häufig, manchmal erstes Zeichen
- Aplastische Krise, meist nach Erstinfektion mit Parvovirus B19: starker Hb-Abfall durch vorübergehenden Stillstand der Erythropoese; nicht selten Erstmanifestation bei bisher mildem Verlauf
- Hämolytische Krisen bei interkurrenten Infekten
- Megaloblastäre Krise bei Folsäuremangel
- selten nach jahrzehntelangem Verlauf extramedulläre Blutbildung (paravertebrale Raumforderungen), sekundäre Eisenüberladung, bei Älteren Ulcera cruris
Histologie
Blutausstrich
Typisch sind kleine, dichte, runde Erythrozyten ohne zentrale Aufhellung (Sphärozyten), dazu Polychromasie und Anisozytose. Bei leichten Formen und bei Erwachsenen kann das Bild uncharakteristisch sein und nur wenige oder keine Sphärozyten zeigen; Polychromasie und Anisozytose sind dagegen fast immer vorhanden. Sphärozyten finden sich auch bei der Wärmeautoantikörper-Hämolyse.
Diagnostik
- Familienanamnese und Splenomegalie (Untersuchung, Sonographie)
- Blutbild: Anämie, MCV normal, MCHC erhöht (über 35 g/dl); die Kombination aus erhöhter MCHC und RDW über 15 % ist sehr spezifisch
- Hämolysezeichen: Retikulozyten erhöht, indirektes Bilirubin und LDH erhöht, Haptoglobin vermindert bis nicht nachweisbar
- Direkter Coombs-Test negativ – grenzt gegen die Autoimmunhämolyse mit Sphärozyten ab
- Spezialtests: saurer Glycerol-Hämolysetest (AGLT; Sensitivität 80–95 %, hohe Spezifität) und Eosin-5-Maleimid-Bindungstest in der Durchflusszytometrie (EMA-Test; Sensitivität 90–95 %, Spezifität 95–99 %). Die Kombination beider erreicht eine Sensitivität bis 100 %; die klassische osmotische Fragilität mit hypotonen Salzlösungen ist deutlich weniger empfindlich.
- Ektazytometrie, Membranproteinanalyse und Genanalyse in Speziallaboren für unklare Fälle
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Hämatologie & Onkologie
- Anämie (Einteilung und Abklärung)
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- Eisenmangelanämie
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- Vitamin-B12-Mangel und perniziöse Anämie
- Multiples Myelom (Plasmozytom)
- Paraneoplastische Syndrome
- Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA)
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- Immunthrombozytopenie (ITP)
- Renale Anämie
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.