Thyreotoxische Krise

Synonyme
Basedow-Krise, thyreotoxisches Koma, Schilddrüsenkrise, thyroid storm, Burch-Wartofsky-Score
Fachgebiet
Innere Medizin · Endokrinologie & Diabetologie
Stand
10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
  1. Definition
  2. Vorkommen & Epidemiologie
  3. Ätiopathogenese
  4. Klinik
  5. Diagnostik
  6. Weiterlernen in der App
  7. Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
  8. Querverweise

Definition

Die thyreotoxische Krise (thyroid storm) ist eine seltene, lebensbedrohliche Zuspitzung einer Thyreotoxikose mit Hypermetabolismus und Versagen mehrerer Organsysteme. Sie ist eine klinische Diagnose: Kein Hormonwert trennt sie sicher von einer schweren, aber unkomplizierten Thyreotoxikose.

Vorkommen & Epidemiologie

Die thyreotoxische Krise ist selten; ihre genaue Häufigkeit ist wegen uneinheitlicher Kriterien schwer zu bestimmen. Unter den Krankenhausaufnahmen wegen schwerer Thyreotoxikose macht sie etwa 10–16 % aus.

Ätiopathogenese

Grunderkrankung: am häufigsten Morbus Basedow, ferner toxische Knotenstruma, seltener eine destruierende Thyreoiditis; ein solitäres toxisches Adenom führt seltener und meist zu milderen Verläufen.

Risikofaktoren: höheres Alter, lange bestehende oder unzureichend kontrollierte Hyperthyreose, unregelmäßige Einnahme der schilddrüsenblockierenden Medikamente.

Auslöser: Infektionen, perioperative Belastung, Trauma, Myokardinfarkt, Schlaganfall, Entbindung, diabetische Ketoazidose, Präeklampsie, Embolien und iodhaltige Kontrastmittel.

Pathophysiologie: Die Hormonspiegel unterscheiden sich oft nicht von denen bei unkomplizierter Thyreotoxikose. Diskutiert werden eine gesteigerte Empfindlichkeit des Gewebes gegenüber Katecholaminen, aktivierte Entzündungszytokine, ein Überwiegen der T3-Wirkung auf Gewebeebene sowie Veränderungen der Hormonbindung und -aufnahme in die Zellen.

Klinik

  • Fieber, meist über 38,5 °C
  • Herz-Kreislauf: Tachykardie, die unverhältnismäßig zum Fieber ist, Herzrhythmusstörungen (besonders Vorhofflimmern), Herzinsuffizienz mit Lungenödem bis zum kardiogenen Schock
  • Zentralnervensystem: extreme Unruhe und Agitation, Stimmungsschwankungen, Delir, Psychose, Lethargie bis Koma, Krampfanfälle
  • Magen-Darm und Leber: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Hepatomegalie und Ikterus
  • Muskulatur: ausgeprägte Schwäche und Muskelabbau

Ältere Menschen können „apathisch“ erkranken, mit wenig Tachykardie, kaum Agitation und unspezifischen Beschwerden.

Diagnostik

Burch-Wartofsky-Score

  • Temperatur: 38–38,5 °C 5 Punkte; 38,6–39 °C 10; 39,1–39,5 °C 15; 39,6–40 °C 20; 40,1–40,6 °C 25; > 40,6 °C 30
  • Zentralnervensystem: leicht (Agitation) 10; mittel (Delir, Psychose, extreme Lethargie) 20; schwer (Krampfanfall, Koma) 30
  • Magen-Darm und Leber: mittel (Durchfall, Bauchschmerz, Übelkeit, Erbrechen) 10; schwer (Ikterus) 20
  • Herzfrequenz pro Minute: 90–109 5; 110–119 10; 120–129 15; 130–139 20; ≥ 140 25
  • Herzinsuffizienz: leicht (Knöchelödeme) 5; mittel (basale Rasselgeräusche) 10; schwer (Lungenödem) 15
  • Vorhofflimmern: 10
  • Auslösendes Ereignis: 10

Bewertung: < 25 Punkte macht eine Krise unwahrscheinlich, 25–44 Punkte sprechen für eine drohende Krise, ≥ 45 Punkte sind hochverdächtig.

Kriterien der Japanischen Schilddrüsengesellschaft

Voraussetzung ist eine laborchemisch belegte Thyreotoxikose (fT3 und/oder fT4 erhöht). Bewertet werden ZNS-Symptome, Fieber ≥ 38 °C, Tachykardie ≥ 130/min, Herzinsuffizienz sowie Magen-Darm- oder Leberbeteiligung (einschließlich Gesamtbilirubin ≥ 3 mg/dl).

  • Gesicherte Krise (TS1): mindestens ein ZNS-Symptom plus ein weiteres Merkmal oder mindestens drei der Nicht-ZNS-Merkmale
  • Verdacht (TS2): zwei der Nicht-ZNS-Merkmale

Beide Skalen sind nicht an einem Goldstandard validiert. Der Burch-Wartofsky-Score überschneidet sich mit schweren, unkomplizierten Verläufen; bei Intensivpatientinnen und -patienten mit Sepsis können Fieber und Tachykardie zu einer Überdiagnose führen.

Weitere Diagnostik

  • Schilddrüsenwerte: TSH supprimiert, fT4 und fT3 erhöht; die Höhe der Werte erlaubt keine Unterscheidung von einer unkomplizierten Thyreotoxikose
  • Organbeteiligung: EKG (Tachykardie, Vorhofflimmern), Leberwerte und Bilirubin, Nierenwerte, Glukose, Elektrolyte
  • Ursache und Auslöser: TSH-Rezeptor-Antikörper, Sonographie der Schilddrüse; gezielte Suche nach Infektion, Myokardinfarkt oder anderen Auslösern

Weiterlernen in der App

In der InnereFuchs-App lernst du Thyreotoxische Krise mit Karteikarten, Prüfungsfragen und Bildaufgaben (EKG, Röntgen-Thorax, Sonographie, Labor) – kostenlos, im Browser oder als App.

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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)

  1. Eur Thyroid J 2026: Joint consensus statement on thyroid storm (ETA, BTA, SfE, WEDS)
  2. MSD Manual Professional: Hyperthyroidism (Thyroid storm)

Querverweise

Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.