Thyreotoxische Krise
- Synonyme
- Basedow-Krise, thyreotoxisches Koma, Schilddrüsenkrise, thyroid storm, Burch-Wartofsky-Score
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Endokrinologie & Diabetologie
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
Definition
Die thyreotoxische Krise (thyroid storm) ist eine seltene, lebensbedrohliche Zuspitzung einer Thyreotoxikose mit Hypermetabolismus und Versagen mehrerer Organsysteme. Sie ist eine klinische Diagnose: Kein Hormonwert trennt sie sicher von einer schweren, aber unkomplizierten Thyreotoxikose.
Vorkommen & Epidemiologie
Die thyreotoxische Krise ist selten; ihre genaue Häufigkeit ist wegen uneinheitlicher Kriterien schwer zu bestimmen. Unter den Krankenhausaufnahmen wegen schwerer Thyreotoxikose macht sie etwa 10–16 % aus.
Ätiopathogenese
Grunderkrankung: am häufigsten Morbus Basedow, ferner toxische Knotenstruma, seltener eine destruierende Thyreoiditis; ein solitäres toxisches Adenom führt seltener und meist zu milderen Verläufen.
Risikofaktoren: höheres Alter, lange bestehende oder unzureichend kontrollierte Hyperthyreose, unregelmäßige Einnahme der schilddrüsenblockierenden Medikamente.
Auslöser: Infektionen, perioperative Belastung, Trauma, Myokardinfarkt, Schlaganfall, Entbindung, diabetische Ketoazidose, Präeklampsie, Embolien und iodhaltige Kontrastmittel.
Pathophysiologie: Die Hormonspiegel unterscheiden sich oft nicht von denen bei unkomplizierter Thyreotoxikose. Diskutiert werden eine gesteigerte Empfindlichkeit des Gewebes gegenüber Katecholaminen, aktivierte Entzündungszytokine, ein Überwiegen der T3-Wirkung auf Gewebeebene sowie Veränderungen der Hormonbindung und -aufnahme in die Zellen.
Klinik
- Fieber, meist über 38,5 °C
- Herz-Kreislauf: Tachykardie, die unverhältnismäßig zum Fieber ist, Herzrhythmusstörungen (besonders Vorhofflimmern), Herzinsuffizienz mit Lungenödem bis zum kardiogenen Schock
- Zentralnervensystem: extreme Unruhe und Agitation, Stimmungsschwankungen, Delir, Psychose, Lethargie bis Koma, Krampfanfälle
- Magen-Darm und Leber: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Hepatomegalie und Ikterus
- Muskulatur: ausgeprägte Schwäche und Muskelabbau
Ältere Menschen können „apathisch“ erkranken, mit wenig Tachykardie, kaum Agitation und unspezifischen Beschwerden.
Diagnostik
Burch-Wartofsky-Score
- Temperatur: 38–38,5 °C 5 Punkte; 38,6–39 °C 10; 39,1–39,5 °C 15; 39,6–40 °C 20; 40,1–40,6 °C 25; > 40,6 °C 30
- Zentralnervensystem: leicht (Agitation) 10; mittel (Delir, Psychose, extreme Lethargie) 20; schwer (Krampfanfall, Koma) 30
- Magen-Darm und Leber: mittel (Durchfall, Bauchschmerz, Übelkeit, Erbrechen) 10; schwer (Ikterus) 20
- Herzfrequenz pro Minute: 90–109 5; 110–119 10; 120–129 15; 130–139 20; ≥ 140 25
- Herzinsuffizienz: leicht (Knöchelödeme) 5; mittel (basale Rasselgeräusche) 10; schwer (Lungenödem) 15
- Vorhofflimmern: 10
- Auslösendes Ereignis: 10
Bewertung: < 25 Punkte macht eine Krise unwahrscheinlich, 25–44 Punkte sprechen für eine drohende Krise, ≥ 45 Punkte sind hochverdächtig.
Kriterien der Japanischen Schilddrüsengesellschaft
Voraussetzung ist eine laborchemisch belegte Thyreotoxikose (fT3 und/oder fT4 erhöht). Bewertet werden ZNS-Symptome, Fieber ≥ 38 °C, Tachykardie ≥ 130/min, Herzinsuffizienz sowie Magen-Darm- oder Leberbeteiligung (einschließlich Gesamtbilirubin ≥ 3 mg/dl).
- Gesicherte Krise (TS1): mindestens ein ZNS-Symptom plus ein weiteres Merkmal oder mindestens drei der Nicht-ZNS-Merkmale
- Verdacht (TS2): zwei der Nicht-ZNS-Merkmale
Beide Skalen sind nicht an einem Goldstandard validiert. Der Burch-Wartofsky-Score überschneidet sich mit schweren, unkomplizierten Verläufen; bei Intensivpatientinnen und -patienten mit Sepsis können Fieber und Tachykardie zu einer Überdiagnose führen.
Weitere Diagnostik
- Schilddrüsenwerte: TSH supprimiert, fT4 und fT3 erhöht; die Höhe der Werte erlaubt keine Unterscheidung von einer unkomplizierten Thyreotoxikose
- Organbeteiligung: EKG (Tachykardie, Vorhofflimmern), Leberwerte und Bilirubin, Nierenwerte, Glukose, Elektrolyte
- Ursache und Auslöser: TSH-Rezeptor-Antikörper, Sonographie der Schilddrüse; gezielte Suche nach Infektion, Myokardinfarkt oder anderen Auslösern
Weiterlernen in der App
Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Endokrinologie & Diabetologie
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.