Multiple endokrine Neoplasie (MEN 1 und MEN 2)
- Synonyme
- MEN, MEN 1, MEN 2, Wermer-Syndrom, Sipple-Syndrom, multiple endokrine Neoplasie Typ 1, multiple endokrine Neoplasie Typ 2
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Endokrinologie & Diabetologie
- Bilder
- Histologie 1 · Sonographie 1
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
Bilder (2)
Histologie
SonographieDefinition
Die multiplen endokrinen Neoplasien (MEN) sind autosomal-dominant erbliche Syndrome, bei denen Hyperplasien oder Tumoren in mehreren endokrinen Drüsen gleichzeitig oder nacheinander auftreten.
- MEN 1: Nebenschilddrüsen, endokrines Pankreas bzw. Duodenum und Hypophyse; Ursache sind inaktivierende Mutationen des MEN1-Gens, das das Tumorsuppressor-Protein Menin kodiert.
- MEN 2A: medulläres Schilddrüsenkarzinom, Phäochromozytom und primärer Hyperparathyreoidismus; das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom gilt als eigene Variante.
- MEN 2B: medulläres Schilddrüsenkarzinom, Phäochromozytom, Schleimhautneurome, intestinale Ganglioneuromatose und marfanoider Habitus – ohne Hyperparathyreoidismus.
MEN 2A, MEN 2B und das familiäre medulläre Karzinom beruhen auf aktivierenden Mutationen des RET-Protoonkogens auf Chromosom 10, das eine Rezeptor-Tyrosinkinase kodiert.
Einteilung
MEN 1 – Manifestationen
- Primärer Hyperparathyreoidismus: bei 95 % oder mehr; typisch ist eine diffuse, oft asymmetrische Hyperplasie mehrerer Drüsen.
- Pankreatische bzw. duodenale neuroendokrine Tumoren: bei 30–90 %; häufig multizentrisch. Häufigster hormonaktiver Tumor ist das Gastrinom, gefolgt vom Insulinom; etwa ein Drittel der Betroffenen hat hormoninaktive Tumoren. Etwa 30 % sind bei Diagnose bereits metastasiert.
- Hypophysentumoren: bei 15–42 %; davon 25–90 % Prolaktinome, etwa 25 % GH- bzw. GH- und prolaktinbildend, etwa 3 % ACTH-bildend, der Rest meist hormoninaktiv.
- Weitere Manifestationen: Karzinoide des Vorderdarms (Thymus, Lunge, Magen) bei 5–15 %, Thymuskarzinoide häufiger bei Männern; Nebennierenadenome bei bis zu 33 %; Lipome, Angiofibrome, Kollagenome, Meningeome und Ependymome; erhöhtes Brustkrebsrisiko.
MEN 2A und MEN 2B – Manifestationen
- MEN 2A: medulläres Schilddrüsenkarzinom bei fast allen; Phäochromozytom bei 40–50 % der Betroffenen einer Familie, in mehr als der Hälfte beidseitig und multizentrisch; Hyperparathyreoidismus bei 10–20 %, oft mehrere Drüsen; kutane Lichen-Amyloidose in manchen Familien; Morbus Hirschsprung bei 2–5 %.
- MEN 2B: In etwa 95 % liegt dieselbe Punktmutation im RET-Protein (Aminosäure 918) vor, in mehr als der Hälfte als Neumutation. Etwa 50 % haben das vollständige Syndrom aus Schleimhautneuromen, Phäochromozytom und medullärem Karzinom; das medulläre Karzinom ist besonders aggressiv und fast immer schon im ersten Lebensjahr vorhanden.
Vorkommen & Epidemiologie
MEN 1: Erkrankungsbeginn zwischen 4 und 81 Jahren, Häufigkeitsgipfel im 3. bis 5. Lebensjahrzehnt; beide Geschlechter gleich häufig. Mutationsträger erkranken zu mehr als 50 % bis zum 40. und zu mehr als 95 % bis zum 80. Lebensjahr. Etwa 40 % haben Tumoren in allen drei Hauptorganen. MEN 2: Von den medullären Schilddrüsenkarzinomen insgesamt sind etwa 25 % familiär; bei scheinbar sporadischen Fällen findet sich in bis zu etwa 7 % eine RET-Mutation.
Klinik
MEN 1
- Hyperparathyreoidismus: meist asymptomatische Hyperkalzämie; etwa 25 % haben Nierensteine oder eine Nephrokalzinose.
- Gastrinom: Bis zu 80 % der MEN-1-Patienten haben multiple peptische Ulzera durch Säurehypersekretion oder ein asymptomatisch erhöhtes Gastrin.
- Insulinom: Nüchternhypoglykämien, oft vor dem 40. Lebensjahr; Tumoren klein und häufig multipel.
- Andere Pankreastumoren: wässrige Durchfälle mit Hypokaliämie und Achlorhydrie (WDHA-Syndrom); seltener ektopes ACTH bzw. CRH (Cushing-Syndrom) oder GHRH (Akromegalie).
- Hypophysentumoren: Galaktorrhö, Akromegalie, Morbus Cushing; Raumforderungszeichen mit Sehstörungen, Kopfschmerzen und Hypophyseninsuffizienz.
MEN 2A und MEN 2B
- Medulläres Schilddrüsenkarzinom: entwickelt sich meist schon im Kindesalter aus einer C-Zell-Hyperplasie und ist häufig multizentrisch.
- Phäochromozytom: bildet bei MEN 2 überproportional Adrenalin; die Hypertonie ist häufiger anfallsartig als dauerhaft, hypertensive Krisen sind typisch; viele Betroffene sind aber beschwerdefrei.
- Hyperparathyreoidismus (nur MEN 2A): Hyperkalzämie, Nierensteine, Nephrokalzinose.
- Kutane Lichen-Amyloidose (MEN 2A): juckende, schuppende Papeln zwischen den Schulterblättern oder an Streckseiten.
- MEN 2B: glänzende Knötchen (Neurome) an Lippen, Zunge und Wangenschleimhaut, oft das früheste Zeichen; Neurome an Lidern, Bindehaut und Hornhaut, verdickte Lider, wulstige Lippen; gestörte Darmmotilität mit Obstipation, Durchfall und gelegentlich Megakolon; marfanoider Habitus und Skelettfehlbildungen.
Diagnostik
- Verdacht auf MEN 1: bei Tumoren von Nebenschilddrüsen, Pankreas oder Hypophyse, besonders mit familiärer Häufung; bei primärem Hyperparathyreoidismus vor dem 30. Lebensjahr.
- Labor MEN 1: Calcium, intaktes PTH, Gastrin und Prolaktin. Gastrinom: erhöhtes basales Gastrin mit paradoxem Anstieg im Sekretin-Test; Insulinom: Nüchternhypoglykämie mit erhöhtem Insulinspiegel; Akromegalie: erhöhtes IGF-1 und fehlende GH-Suppression im Glukosetoleranztest.
- Bildgebung MEN 1: Ultraschall, Endosonographie, CT und MRT; Gallium-68-DOTATATE-PET/CT war für pankreatische und duodenale Tumoren etwa dreimal empfindlicher als ältere Szintigraphie- und CT-Verfahren und hilft bei der Suche nach Thymus- und Lungenkarzinoiden.
- Labor MEN 2: Calcitonin im Serum (medulläres Karzinom), Calcium, Calcium im 24-Stunden-Urin und PTH, freie Metanephrine im Plasma oder Katecholamine und Metanephrine im Urin.
- Bildgebung MEN 2: Halsultraschall, ergänzend CT, MRT oder Szintigraphie; CT oder MRT zur Lokalisation von Phäochromozytomen und zum Nachweis beidseitiger Tumoren.
- Genetik: Paneldiagnostik bei MEN-1-Verdacht (einschließlich Genen für MEN 4 und andere familiäre Hyperparathyreoidismus-Formen); RET-Testung bei allen Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom. Die spezifische RET-Mutation sagt Aggressivität und Begleitmanifestationen voraus. Verwandten ersten Grades wird eine genetische Testung angeboten.
Weiterlernen in der App
Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Endokrinologie & Diabetologie
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.