Urtikaria (Nesselsucht)
- Synonyme
- Nesselsucht, Nesselausschlag, Quaddeln, Nesselfieber, chronische spontane Urtikaria, Kälteurtikaria, Dermographismus
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Allergologie
- Bilder
- Klinik 3
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
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Definition
Die Urtikaria (Nesselsucht) ist durch flüchtige, wandernde, scharf begrenzte, juckende Quaddeln gekennzeichnet. Sie entstehen durch ein Ödem der oberen Dermis und erscheinen gerötet, auf stark pigmentierter Haut weniger sichtbar rot. Häufig treten zusätzlich Angioödeme auf, Schwellungen der tieferen Dermis und Subkutis.
Einteilung
- Akute Urtikaria: Dauer unter 6 Wochen.
- Chronische Urtikaria: Dauer über 6 Wochen, unterteilt in die chronische spontane Urtikaria (ohne erkennbaren äußeren Auslöser) und die chronische induzierbare Urtikaria mit definierten Auslösern.
- Induzierbare Formen: Kälte, Wärme, verzögerter Druck, Reibung (urtikarieller Dermographismus), Vibration, Sonnenlicht, Wasser (aquagene Urtikaria) sowie cholinergische Urtikaria bei Schwitzen, etwa durch Anstrengung, warmes Baden oder Fieber.
Vorkommen & Epidemiologie
Die akute Urtikaria ist häufiger als die chronische (etwa 70 % gegenüber 30 %); ihre Lebenszeitprävalenz liegt weltweit bei etwa 20 %. Weniger als 8 % der akuten Fälle gehen in eine chronische Urtikaria über. Die chronische spontane Urtikaria ist häufiger als die induzierbare, betrifft etwa 1 % der Weltbevölkerung und am häufigsten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren.
Ätiopathogenese
Mastzellen und basophile Granulozyten der oberen Dermis setzen Histamin, Bradykinin, Kallikrein und weitere vasoaktive Substanzen frei; es folgen Gefäßerweiterung und intradermales Ödem.
- Immunologisch: IgE-vermittelte Typ-I-Reaktion oder Autoimmunität. Bei der chronischen spontanen Urtikaria unterscheidet man einen autoallergischen Typ (IgE gegen körpereigene Antigene wie Thyreoperoxidase oder IL-24) und einen autoimmunen Typ IIb (IgG gegen IgE oder den hochaffinen IgE-Rezeptor FcεRI).
- Nicht immunologisch: direkte Mastzellaktivierung (z. B. durch Opioide, Muskelrelaxanzien oder Röntgenkontrastmittel, teils über den Rezeptor MRGPRX2), Beeinflussung der Cyclooxygenase durch NSAR, Komplementaktivierung sowie physikalische und emotionale Reize.
- Auslöser der akuten Urtikaria: Medikamente, Nahrungsmittel (z. B. Erdnüsse, Baumnüsse, Fisch, Schalentiere, Weizen, Eier, Milch, Soja), Insektenstiche, Kontakt- oder Inhalationsallergene und Infektionen (Viren, Streptokokken, Helicobacter pylori, Parasiten).
- Chronische Urtikaria: meist idiopathisch, danach am häufigsten autoimmun; Zusammenhänge bestehen u. a. mit Autoimmunthyreoiditis, systemischem Lupus erythematodes, Sjögren-Syndrom und Kryoglobulinämie.
Klinik
Die Quaddeln sind meist rot, dunkelrosa oder hautfarben und reichen von Stecknadelkopfgröße bis zu großen, konfluierenden Flächen. Sie jucken und verschwinden ohne Rückstände, während an anderer Stelle neue entstehen. Bei Angioödemen schwellen vor allem Gesicht, Lippen, Zunge, Extremitäten oder Genitale an; eine Beteiligung des Darms äußert sich als kolikartiger Bauchschmerz, ein Larynx- oder Zungenödem kann die Atemwege verlegen. Bei induzierbaren Formen treten die Quaddeln meist Sekunden bis Minuten nach dem Reiz auf.
Warnzeichen sind Atemnot, Stridor oder Giemen, Schwellungen von Gesicht und Zunge, Fieber, Lymphknotenschwellungen sowie Quaddeln, die länger als 48 Stunden bestehen, eher schmerzen als jucken, von Purpura oder Bläschen begleitet sind oder mit Hyperpigmentierung abheilen – Letzteres spricht für eine Urtikariavaskulitis.
Diagnostik
- Anamnese: Beginn, Dauer und Verteilung der Quaddeln, Dauer einzelner Läsionen, Angioödeme, Juckreiz, Expositionen in den 24 Stunden davor (Medikamente, Nahrungsmittel, Insekten, Tiere, Waschmittel, Infektionen, Stress) sowie atopische und autoimmune Vorerkrankungen.
- Akute, einmalige Urtikaria: meist keine Labordiagnostik, sofern kein spezifischer Auslöser vermutet wird.
- Chronische oder wiederkehrende Urtikaria: Blutbild, klinische Chemie, Leberwerte und TSH; bei auffälligen Werten gezielte Folgediagnostik (z. B. Schilddrüsenautoantikörper, Hepatitisserologie, Stuhl auf Parasiten bei Eosinophilie).
- Provokationstests bei Verdacht auf induzierbare Urtikaria: Eiswürfeltest (Kälte), Bestreichen der Haut mit einem stumpfen Gegenstand (Dermographismus), Druck, Wärme, Vibration oder Wasser.
- Allergologische Hauttests: bei Verdacht auf einen allergischen Auslöser sowie bei ungewöhnlichem, wiederkehrendem oder anhaltendem Verlauf.
- Hautbiopsie: bei unklarer Diagnose oder Quaddeln, die länger als 48 Stunden bestehen; die Urtikariavaskulitis zeigt eine leukozytoklastische Vaskulitis.
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Allergologie
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.