Arzneimittelallergie
- Synonyme
- Medikamentenallergie, Arzneimittelunverträglichkeit, Arzneimittelexanthem, Betalaktam-Allergie, Serumkrankheit, fixes Arzneimittelexanthem
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Allergologie
- Bilder
- Klinik 2
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
Bilder (2)


Definition
Eine Arzneimittelallergie ist eine immunvermittelte Reaktion auf ein Medikament. Sie unterscheidet sich von toxischen und anderen unerwünschten pharmakologischen Wirkungen sowie von Wechselwirkungen zwischen Medikamenten. Die Beschwerden reichen von leichten Exanthemen bis zur Anaphylaxie und zu schweren, lebensbedrohlichen Haut- und Organreaktionen.
Einteilung
Nach der Klassifikation von Gell und Coombs werden vier Reaktionstypen unterschieden; mehrere Typen können zusammenwirken.
- Typ I (Soforttyp, IgE-vermittelt): Beginn meist innerhalb einer Stunde; Urtikaria, Angioödem, Bronchospasmus und Anaphylaxie.
- Typ II (zytotoxisch): z. B. arzneimittelinduzierte immunhämolytische Anämie durch Antikörper gegen medikamentenbeladene Erythrozyten.
- Typ III (Immunkomplexe): z. B. Serumkrankheit etwa 7 bis 10 Tage nach Exposition mit Fieber, Gelenkschmerzen und Exanthem, die 1 bis 2 Wochen anhält.
- Typ IV (verzögert, T-Zell-vermittelt): z. B. makulopapulöses Exanthem, DRESS-Syndrom sowie Stevens-Johnson-Syndrom und toxische epidermale Nekrolyse.
Ätiopathogenese
Einige Proteine und große Polypeptide wirken direkt immunogen. Die meisten Medikamente sind jedoch Haptene: Sie binden kovalent an Serum- oder Zellproteine, auch an Peptide in MHC-Molekülen, und machen diese immunogen. Manche Substanzen werden erst durch die Verstoffwechselung zum Hapten (Prohaptene), etwa der Betalaktam-Metabolit Benzylpenicilloyl. Andere stimulieren T-Zell-Rezeptoren möglicherweise direkt.
Einmal sensibilisiert, können Kreuzreaktionen innerhalb und zwischen Substanzklassen auftreten. Bestimmte HLA-Klasse-I-Merkmale erhöhen das Risiko schwerer Reaktionen deutlich, etwa HLA-B*57:01 für eine durch Abacavir ausgelöste Hypersensitivität, HLA-B*58:01 für durch ein Urikostatikum ausgelöste SJS/TEN und DRESS sowie HLA-B*15:02 und HLA-A*31:01 für durch Carbamazepin ausgelöste Reaktionen.
Klinik
- Haut: am häufigsten Exantheme (z. B. morbilliform) und Urtikaria, oft mit Fieber. Das seltene fixe Arzneimittelexanthem tritt bei erneuter Exposition immer an derselben Körperstelle auf, häufig ausgelöst durch NSAR, Sulfonamide oder Tetrazykline.
- Anaphylaxie: schwerste Form der Soforttypreaktion.
- Serumkrankheit: Fieber, Arthralgien bis Arthritis, Exanthem, Ödeme und Magen-Darm-Beschwerden.
- Schwere kutane Reaktionen: DRESS-Syndrom sowie Stevens-Johnson-Syndrom und toxische epidermale Nekrolyse.
- Blut: immunhämolytische Anämie.
- Lunge: interstitielle Lungenerkrankung mit Atemwegsbeschwerden und Funktionsverschlechterung.
- Niere: am häufigsten tubulointerstitielle Nephritis, ausgelöst u. a. durch NSAR, Antiinfektiva und Blocker der H⁺/K⁺-ATPase des Magens.
- Autoimmunphänomene: arzneimittelinduzierter Lupus erythematodes mit positiven antinukleären Antikörpern sowie p-ANCA-assoziierte Vaskulitis.
Diagnostik
- Anamnese: Art und Zeitpunkt der Reaktion, alle in den Tagen bis Wochen zuvor neu begonnenen Medikamente einschließlich frei verkäuflicher Produkte und früherer Reaktionen. Eine Reaktion innerhalb von Minuten bis Stunden nach Einnahme spricht für eine Allergie; eine zur Menge proportionale Reaktion eher für Toxizität.
- Hauttests (Prick- und Intrakutantest): für IgE-vermittelte Reaktionen auf Betalaktame, Fremdserum und einige Polypeptidhormone; für die meisten anderen Medikamente unzuverlässig und ohne Aussage für Nicht-Typ-I-Reaktionen.
- Epikutantest: z. B. beim fixen Arzneimittelexanthem.
- Provokationstest: schrittweise Exposition mit dem verdächtigen Medikament unter kontrollierten Bedingungen; nach schweren kutanen Reaktionen (SJS/TEN, DRESS, AGEP) ausgeschlossen.
- Hämatologische Reaktionen: direkter und indirekter Antiglobulintest (Coombs-Test).
- Weitere Verfahren: spezifisches IgE, Basophilen- oder Lymphozytentransformationstests gelten als unzuverlässig oder experimentell; eine HLA-Typisierung kann bei bestimmten Bevölkerungsgruppen Risikopersonen erkennen.
Weiterlernen in der App
Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.