Toxidrome (Vergiftungen erkennen)

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Synonyme
Vergiftung, Intoxikation, Vergiftungssyndrom, anticholinerges Syndrom, cholinerge Krise, Überdosis
Fachgebiet
Innere Medizin · Intensiv- & Notfallmedizin
Bilder
Klinik 2
Stand
10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
  1. Bilder (2)
  2. Definition
  3. Einteilung
  4. Vorkommen & Epidemiologie
  5. Ätiopathogenese
  6. Klinik
  7. Diagnostik
  8. Weiterlernen in der App
  9. Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
  10. Querverweise

Bilder (2)

Toxidrome (Vergiftungen erkennen) – klinisches Foto: Opioid-Toxidrom: stecknadelkopfgroße Pupillen (Miosis) und beidseits hängende Oberlider bei Sedierung
Opioid-Toxidrom: stecknadelkopfgroße Pupillen (Miosis) und beidseits hängende Oberlider bei SedierungBild: Thomas Bonini (Wikimedia Commons) · CC0 · Quelle
Toxidrome (Vergiftungen erkennen) – klinisches Foto: Weite Pupillen (Mydriasis) nach Halluzinogen-Konsum (LSD) – Leitbefund sympathomimetischer und anticholinerger Vergiftungsbilder
Weite Pupillen (Mydriasis) nach Halluzinogen-Konsum (LSD) – Leitbefund sympathomimetischer und anticholinerger VergiftungsbilderBild: Thomas Bonini (Wikimedia Commons) · CC0 · Quelle
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Definition

Ein Toxidrom (toxisches Syndrom) ist eine typische Kombination von Symptomen und Befunden, die auf die Vergiftung mit einer bestimmten Substanzklasse hinweist. Die Symptome einer Vergiftung hängen von der Substanz ab und können auch bei gleicher Substanz von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein; einige Symptomkonstellationen treten jedoch häufig auf und grenzen die möglichen Ursachen ein. Bei Mischintoxikationen können sich die Bilder überlagern.

Vergiftungen entstehen meist durch Verschlucken, aber auch durch parenterale Aufnahme, Einatmen oder Kontakt mit Haut, Augen oder Schleimhäuten.

Einteilung

Häufige Toxidrome

  • Anticholinerges Syndrom: Tachykardie, Hyperthermie, weite Pupillen (Mydriasis), warme und trockene Haut, Harnverhalt, Darmlähmung (Ileus), Delir
  • Cholinerges Syndrom, muskarinerg: Speichelfluss, Tränenfluss, Wasserlassen, Stuhlabgang, Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall, enge Pupillen (Miosis), Bronchorrhö, Bradykardie, Bronchokonstriktion mit Giemen
  • Cholinerges Syndrom, nikotinerg: Mydriasis, Tachykardie, Muskelschwäche, Hypertonie, Hyperglykämie, Faszikulationen, Schwitzen; Bauchschmerzen, Lähmungen
  • Opioid-Syndrom: Atemdepression, Hypotonie, Miosis, Sedierung, eventuell Hypothermie
  • Sympathomimetisches Syndrom: Tachykardie, Hypertonie, Mydriasis, Agitation, Krampfanfälle, Schwitzen, Hyperthermie; Psychose nach chronischem Konsum
  • Entzugssyndrome: nach Beenden des Konsums sedierender Substanzen (Alkohol, Benzodiazepine, Barbiturate, GHB) Agitation, Halluzinationen, Verwirrtheit, Krampfanfälle, Hyperreflexie, Hypertonie, Tachykardie und vegetative Instabilität; beim Opioidentzug u. a. Tachykardie, Mydriasis, Schwitzen, Unruhe, Gänsehaut, Gähnen, Tränenfluss, Bauchkrämpfe, Erbrechen und Durchfall

Unterscheidungsmerkmale

Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind Pupillen (weit beim anticholinergen und sympathomimetischen, eng beim muskarinerg-cholinergen und beim Opioid-Syndrom) und Haut (trocken beim anticholinergen, schweißig beim sympathomimetischen und beim nikotinerg-cholinergen Syndrom).

Vorkommen & Epidemiologie

Unbeabsichtigte Vergiftungen sind bei Kleinkindern häufig; meist ist nur eine Substanz beteiligt. Bei älteren Menschen kommen sie durch Verwirrtheit, schlechtes Sehen, psychische Erkrankungen oder Polypharmazie vor. Absichtliche Vergiftungen in suizidaler Absicht sind bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen häufig; oft sind mehrere Substanzen beteiligt, darunter Alkohol, Beruhigungsmittel und frei verkäufliche Schmerzmittel.

Ätiopathogenese

Typische Substanzgruppen der einzelnen Toxidrome:

  • anticholinerg: trizyklische Antidepressiva, viele Psychopharmaka, Belladonna-Alkaloide, Engelstrompete und Stechapfel, manche Pilze
  • cholinerg-muskarinerg: Organophosphate und Carbamate (z. B. in Insektiziden), manche Pilze
  • cholinerg-nikotinerg: Nikotin, Carbamate, manche Organophosphate, Biss der Schwarzen Witwe
  • Opioid: Opioide einschließlich Heroin und synthetischer Opioide
  • sympathomimetisch: Amphetamine, MDMA, Kokain, synthetische Cathinone („Badesalze“), synthetische Cannabinoide

Klinik

An eine Vergiftung ist bei unklaren Symptomen zu denken, besonders bei Bewusstseinsstörungen von Agitation über Somnolenz bis zum Koma. Hinweise bei der Untersuchung sind neben dem Toxidrom:

  • Atemgeruch
  • Reste von Medikamenten oder Substanzen auf der Haut
  • Einstichstellen und Venenstraßen als Zeichen injizierten Drogenkonsums
  • Zeichen chronischen Alkoholkonsums

Auch bei bekannter Vergiftung sind andere Ursachen einer Bewusstseinsstörung zu bedenken, etwa ZNS-Infektion, Schädel-Hirn-Trauma, Hypoglykämie, Schlaganfall, hepatische oder Wernicke-Enzephalopathie.

Diagnostik

  • Anamnese: oft das wertvollste Instrument; Substanz, Aufnahmeweg, Menge und Zeitpunkt; Fremdanamnese durch Angehörige, Freunde und Rettungsdienst, da viele Betroffene keine verlässlichen Angaben machen können; Apotheken- und Krankenunterlagen
  • Körperliche Untersuchung: Vitalzeichen, Pupillen, Haut, Darmgeräusche, neurologischer Befund zur Zuordnung eines Toxidroms
  • Serumspiegel: nur für wenige Substanzen aussagekräftig, z. B. Paracetamol, Salicylate, Kohlenmonoxid, Digoxin, Ethylenglykol, Eisen, Lithium, Methanol, Phenobarbital, Phenytoin, Theophyllin; bei Mischintoxikationen wird häufig ein Paracetamolspiegel bestimmt
  • Weitere Labordiagnostik: Elektrolyte, Harnstoff, Kreatinin, Glukose, Gerinnung, venöse Blutgasanalyse; je nach Verdacht Serumosmolalität, Methämoglobin, CO-Hämoglobin
  • EKG bei Substanzen mit Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System oder unbekannter Substanz
  • Bildgebung: Röntgen oder CT des Abdomens bei Eisen, Blei, Arsen oder geschluckten Drogenpäckchen (Body-Packing); CT des Kopfes je nach Verdacht und klinischer Situation

Weiterlernen in der App

In der InnereFuchs-App lernst du Toxidrome (Vergiftungen erkennen) mit Karteikarten, Prüfungsfragen und Bildaufgaben (EKG, Röntgen-Thorax, Sonographie, Labor) – kostenlos, im Browser oder als App.

Im Browser starten  InnereFuchs ansehen →

Weiterführende Literatur (frei zugänglich)

  1. MSD Manual Professional: General Principles of Poisoning
  2. StatPearls: Toxicology Screening

Querverweise

Weitere Themen: Intensiv- & Notfallmedizin

Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.