Toxidrome (Vergiftungen erkennen)
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- Vergiftung, Intoxikation, Vergiftungssyndrom, anticholinerges Syndrom, cholinerge Krise, Überdosis
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Intensiv- & Notfallmedizin
- Bilder
- Klinik 2
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
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Definition
Ein Toxidrom (toxisches Syndrom) ist eine typische Kombination von Symptomen und Befunden, die auf die Vergiftung mit einer bestimmten Substanzklasse hinweist. Die Symptome einer Vergiftung hängen von der Substanz ab und können auch bei gleicher Substanz von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein; einige Symptomkonstellationen treten jedoch häufig auf und grenzen die möglichen Ursachen ein. Bei Mischintoxikationen können sich die Bilder überlagern.
Vergiftungen entstehen meist durch Verschlucken, aber auch durch parenterale Aufnahme, Einatmen oder Kontakt mit Haut, Augen oder Schleimhäuten.
Einteilung
Häufige Toxidrome
- Anticholinerges Syndrom: Tachykardie, Hyperthermie, weite Pupillen (Mydriasis), warme und trockene Haut, Harnverhalt, Darmlähmung (Ileus), Delir
- Cholinerges Syndrom, muskarinerg: Speichelfluss, Tränenfluss, Wasserlassen, Stuhlabgang, Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall, enge Pupillen (Miosis), Bronchorrhö, Bradykardie, Bronchokonstriktion mit Giemen
- Cholinerges Syndrom, nikotinerg: Mydriasis, Tachykardie, Muskelschwäche, Hypertonie, Hyperglykämie, Faszikulationen, Schwitzen; Bauchschmerzen, Lähmungen
- Opioid-Syndrom: Atemdepression, Hypotonie, Miosis, Sedierung, eventuell Hypothermie
- Sympathomimetisches Syndrom: Tachykardie, Hypertonie, Mydriasis, Agitation, Krampfanfälle, Schwitzen, Hyperthermie; Psychose nach chronischem Konsum
- Entzugssyndrome: nach Beenden des Konsums sedierender Substanzen (Alkohol, Benzodiazepine, Barbiturate, GHB) Agitation, Halluzinationen, Verwirrtheit, Krampfanfälle, Hyperreflexie, Hypertonie, Tachykardie und vegetative Instabilität; beim Opioidentzug u. a. Tachykardie, Mydriasis, Schwitzen, Unruhe, Gänsehaut, Gähnen, Tränenfluss, Bauchkrämpfe, Erbrechen und Durchfall
Unterscheidungsmerkmale
Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind Pupillen (weit beim anticholinergen und sympathomimetischen, eng beim muskarinerg-cholinergen und beim Opioid-Syndrom) und Haut (trocken beim anticholinergen, schweißig beim sympathomimetischen und beim nikotinerg-cholinergen Syndrom).
Vorkommen & Epidemiologie
Unbeabsichtigte Vergiftungen sind bei Kleinkindern häufig; meist ist nur eine Substanz beteiligt. Bei älteren Menschen kommen sie durch Verwirrtheit, schlechtes Sehen, psychische Erkrankungen oder Polypharmazie vor. Absichtliche Vergiftungen in suizidaler Absicht sind bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen häufig; oft sind mehrere Substanzen beteiligt, darunter Alkohol, Beruhigungsmittel und frei verkäufliche Schmerzmittel.
Ätiopathogenese
Typische Substanzgruppen der einzelnen Toxidrome:
- anticholinerg: trizyklische Antidepressiva, viele Psychopharmaka, Belladonna-Alkaloide, Engelstrompete und Stechapfel, manche Pilze
- cholinerg-muskarinerg: Organophosphate und Carbamate (z. B. in Insektiziden), manche Pilze
- cholinerg-nikotinerg: Nikotin, Carbamate, manche Organophosphate, Biss der Schwarzen Witwe
- Opioid: Opioide einschließlich Heroin und synthetischer Opioide
- sympathomimetisch: Amphetamine, MDMA, Kokain, synthetische Cathinone („Badesalze“), synthetische Cannabinoide
Klinik
An eine Vergiftung ist bei unklaren Symptomen zu denken, besonders bei Bewusstseinsstörungen von Agitation über Somnolenz bis zum Koma. Hinweise bei der Untersuchung sind neben dem Toxidrom:
- Atemgeruch
- Reste von Medikamenten oder Substanzen auf der Haut
- Einstichstellen und Venenstraßen als Zeichen injizierten Drogenkonsums
- Zeichen chronischen Alkoholkonsums
Auch bei bekannter Vergiftung sind andere Ursachen einer Bewusstseinsstörung zu bedenken, etwa ZNS-Infektion, Schädel-Hirn-Trauma, Hypoglykämie, Schlaganfall, hepatische oder Wernicke-Enzephalopathie.
Diagnostik
- Anamnese: oft das wertvollste Instrument; Substanz, Aufnahmeweg, Menge und Zeitpunkt; Fremdanamnese durch Angehörige, Freunde und Rettungsdienst, da viele Betroffene keine verlässlichen Angaben machen können; Apotheken- und Krankenunterlagen
- Körperliche Untersuchung: Vitalzeichen, Pupillen, Haut, Darmgeräusche, neurologischer Befund zur Zuordnung eines Toxidroms
- Serumspiegel: nur für wenige Substanzen aussagekräftig, z. B. Paracetamol, Salicylate, Kohlenmonoxid, Digoxin, Ethylenglykol, Eisen, Lithium, Methanol, Phenobarbital, Phenytoin, Theophyllin; bei Mischintoxikationen wird häufig ein Paracetamolspiegel bestimmt
- Weitere Labordiagnostik: Elektrolyte, Harnstoff, Kreatinin, Glukose, Gerinnung, venöse Blutgasanalyse; je nach Verdacht Serumosmolalität, Methämoglobin, CO-Hämoglobin
- EKG bei Substanzen mit Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System oder unbekannter Substanz
- Bildgebung: Röntgen oder CT des Abdomens bei Eisen, Blei, Arsen oder geschluckten Drogenpäckchen (Body-Packing); CT des Kopfes je nach Verdacht und klinischer Situation
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Intensiv- & Notfallmedizin
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.