Anaphylaxie
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- allergischer Schock, anaphylaktischer Schock, schwere allergische Reaktion, anaphylaktische Reaktion, Allergieschock
- Fachgebiet
- Innere Medizin · Intensiv- & Notfallmedizin
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- Klinik 1
- Stand
- 10/2026 · Dr. Pascal Bafteh
Inhalt
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Definition
Die Anaphylaxie ist eine schwere, systemische Überempfindlichkeitsreaktion, die meist rasch einsetzt und lebensbedrohlich Atmung und/oder Kreislauf beeinträchtigen kann. Sie betrifft vor allem Haut, Atemwege, Magen-Darm-Trakt und Herz-Kreislauf-System.
Der anaphylaktische Schock ist die hämodynamisch schwerste Form mit Kreislaufversagen (Hypotonie und/oder Zeichen der Organminderperfusion). Jeder anaphylaktische Schock ist eine Anaphylaxie, aber nicht jede Anaphylaxie führt zum Schock.
Einteilung
In Deutschland wird die Anaphylaxie nach den schwersten aufgetretenen Symptomen in vier Schweregrade eingeteilt (modifiziert nach Ring und Messmer; kein Symptom ist obligat):
- Grad I: Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
- Grad II: zusätzlich Übelkeit, Krämpfe, Erbrechen; Rhinorrhö, Heiserkeit, Atemnot; Tachykardie (Anstieg über 20/min), Blutdruckabfall (systolisch über 20 mmHg), Herzrhythmusstörungen
- Grad III: Erbrechen, Defäkation; Larynxödem, Bronchospasmus, Zyanose; Schock
- Grad IV: Atemstillstand und/oder Kreislaufstillstand
Nach dem Mechanismus unterscheidet man die meist IgE-vermittelte allergische Anaphylaxie von der nicht-allergischen (früher „anaphylaktoiden“) Reaktion ohne vorherige Sensibilisierung.
Vorkommen & Epidemiologie
Die Lebenszeitprävalenz wird auf 1,6–5,1 % geschätzt. Studien aus den USA, Großbritannien und Australien zeigen Inzidenzen von 7–50 pro 100.000 Einwohner und Jahr mit Zunahme in den letzten Jahrzehnten.
Häufigste Auslöser schwerer Reaktionen im deutschsprachigen Anaphylaxie-Register:
- Kinder: Nahrungsmittel 60 %, Insektengifte 22 %, Medikamente 7 %
- Erwachsene: Insektengifte 52 %, Medikamente 22 %, Nahrungsmittel 16 %
Im Kindesalter sind Jungen häufiger betroffen; nach der Pubertät gleicht sich die Geschlechterverteilung an.
Ätiopathogenese
Auslöser:
- Nahrungsmittel (z. B. Nüsse, Eier, Meeresfrüchte; Erdnuss und Fisch gelten als hochpotente Allergene)
- Insektengifte (stechende Insekten)
- Medikamente (z. B. NSAR, Betalaktame, Allergenextrakte)
- Röntgenkontrastmittel und andere Chemikalien
- körperliche Faktoren wie Kälte und Anstrengung
- unbekannt (idiopathisch)
Pathophysiologie: Meist liegt eine IgE-vermittelte Allergie zugrunde. Das Allergen vernetzt IgE auf Mastzellen und basophilen Granulozyten, die daraufhin Histamin, Prostaglandine, Leukotriene, Tryptase, plättchenaktivierenden Faktor und weitere Mediatoren freisetzen. Folgen sind Kontraktion glatter Muskulatur (Bronchokonstriktion, Erbrechen, Durchfall) sowie Gefäßweitstellung mit Plasmaaustritt (Urtikaria, Angioödem). Nicht-allergische Reaktionen entstehen durch direkte Mastzellaktivierung (z. B. über den Rezeptor MRGPRX2) oder Komplementaktivierung, häufig durch jodhaltige Kontrastmittel, NSAR oder monoklonale Antikörper.
Augmentations- und Risikofaktoren: körperliche Anstrengung (z. B. nahrungsmittelabhängige, anstrengungsinduzierte Anaphylaxie, meist durch Weizen), Alkohol, psychischer Stress, Infekte; für schwere Verläufe hohes Lebensalter, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schlecht eingestelltes Asthma bronchiale, Mastozytose bzw. erhöhte basale Serumtryptase sowie bestimmte blutdrucksenkende Medikamente.
Klinik
Die Symptome beginnen meist innerhalb von 15 Minuten nach Kontakt mit dem Auslöser und können innerhalb von Minuten bis zum Schock fortschreiten; die Reaktion kann aber auch auf jeder Stufe spontan zum Stillstand kommen. Kreislaufreaktionen können ohne vorherige Haut- oder Atemwegssymptome auftreten.
- Prodromi: Juckreiz oder Brennen an Handflächen, Fußsohlen oder im Genitalbereich, metallischer Geschmack, Angst, Kopfschmerzen, Desorientierung
- Haut und Schleimhäute (am häufigsten betroffen): Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
- Atemwege: Brennen oder Kribbeln an Zunge und Gaumen, Schwellung von Uvula und Zunge, kloßige Sprache, Schluckbeschwerden, inspiratorischer Stridor, Niesen, Rhinorrhö, Atemnot, Giemen, Zyanose
- Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall
- Herz-Kreislauf: Herzklopfen, Tachykardie, Hypotonie, Schwindel, Synkope, Schock bis Kreislaufstillstand
- Allgemein: Unruhe, „Gefühl drohenden Unheils“; bei Kleinkindern oft Unruhe oder Rückzugsverhalten
In 5–20 % der Fälle kommt es zu protrahierten oder biphasischen Verläufen mit erneuten Symptomen meist nach 6–24 Stunden.
Diagnostik
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Eine Anaphylaxie gilt als sehr wahrscheinlich, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
- plötzliche Haut- oder Schleimhautsymptome (z. B. Urtikaria, Angioödem, Flush) zusammen mit Atemwegssymptomen (z. B. Atemnot, Giemen, Stridor) oder einem Blutdruckabfall bzw. dessen Folgen (z. B. Kollaps, Inkontinenz)
- plötzliche Symptome an zwei oder mehr Organsystemen (Haut, Magen-Darm-Trakt, Atemwege, Kreislauf) nach Kontakt mit einem wahrscheinlichen Allergen oder Auslöser
- Blutdruckabfall nach Kontakt mit einem für die Person bekannten Allergen oder Auslöser
- Serumtryptase: idealerweise etwa 1–3 Stunden nach Beginn der Reaktion bestimmen, wenn möglich im Vergleich zur basalen Serumtryptase; sie kann auch nachträglich bestimmt werden, ist aber nicht immer erhöht (häufig normal bei Kindern mit Nahrungsmittelanaphylaxie)
- Ursachensuche: sorgfältige Anamnese zu Nahrungsmitteln, Insektenstichen, Medikamenten und Kofaktoren; bei Beschäftigten im Gesundheitswesen mit unklarer Anaphylaxie an eine Latexallergie denken
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Weiterführende Literatur (frei zugänglich)
Querverweise
Weitere Themen: Intensiv- & Notfallmedizin
Hinweis: Lerninhalt für die ärztliche Aus- und Weiterbildung – keine Behandlungsempfehlung und kein Ersatz für Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie und Vorgehen werden auf dieser Seite bewusst nicht dargestellt.
