Sekundärsyphilis (Lues II)


Definition & Erreger
- Erreger: Treponema pallidum (subsp. pallidum), obligat humanpathogene Spirochäte, nicht in vitro kultivierbar.
- Übertragung: sexuell (Schleimhautkontakt), vertikal (diaplazentar → Lues connata), selten Bluttransfusion/Nadelstich.
- Inkubationszeit: 10–90 Tage (Ø 21) bis zum Primäraffekt.
- Globale Inzidenz steigt seit 2010 erneut, besonders bei MSM und in Ko-Infektion mit HIV.
Klinik (Stadienverlauf)
- Primärstadium (3–4 Wochen): Ulcus durum (schmerzlos, induriert) an der Inokulationsstelle (Genital, Oral, Anal) + indolente regionale Lymphadenopathie.
- Sekundärstadium (6–8 Wochen nach Infektion):
- Roseola syphilitica: generalisiertes makulopapulöses Exanthem inkl. Palmae/Plantae — blass lachsfarbene bis rosa, unscharf begrenzte Makulä, nicht erhaben, ohne Schuppung und typischerweise ohne Juckreiz; genau deshalb bemerken Patienten sie oft gar nicht und weisen nicht darauf hin.
- Palmoplantare Syphilide: rundliche, livid-rötliche Läsionen an Handflächen und Fußsohlen. Das spezifische Randzeichen ist die randständige Schuppenkrause, die die Läsion wie ein Halskragen umgibt (Biett-Kragen). Der Befall von Handflächen und Fußsohlen ist das Leitsymptom der Lues II — kaum eine andere Erkrankung macht dort Läsionen, und genau daran wird sie erkannt.
- Wie diskret der Befund sein kann: Derselbe Patient, derselbe Tag — an der Handfläche eine deutliche Läsion mit Schuppenkrause, an der Fußsohle nur zwei blasse Makulä, am Rumpf ein paar kaum sichtbare Flecken. Die diagnostische Falle ist nicht das eindrucksvolle Bild, sondern das unauffällige: Wer bei einem unklaren, nicht juckenden Rumpfexanthem des jungen Erwachsenen nicht gezielt Handflächen und Fußsohlen absucht, verpasst die Diagnose.
- Condylomata lata (perianal, intertriginös, hochinfektiös)
- Plaques muqueuses (Schleimhautläsionen)
- Mottenfraßalopezie (Alopecia areolaris, pathognomonisch okzipital)
- Allgemeinsymptome: Fieber, Lymphadenopathie generalisiert, Splenomegalie
- Latenzstadium: klinisch stumm, serologisch positiv (Früh- < 1 Jahr, Spät- > 1 Jahr).
- Tertiärstadium (Jahre bis Jahrzehnte):
- Gummen (granulomatöse Destruktion Haut/Knochen/Organe)
- Kardiovaskuläre Lues: Aortitis, Aortenaneurysma, Aorteninsuffizienz
- Neurosyphilis (Tabes dorsalis, progressive Paralyse, gummöse Neurolues)
Diagnostik
- Suchtest (treponemal): TPPA/TPHA — bleibt lebenslang positiv (Seronarbe).
- Bestätigungstest: FTA-Abs (IgG/IgM-Differenzierung möglich).
- Aktivitätsmarker (non-treponemal): VDRL/RPR (quantitativ) — Titerverlauf korreliert mit Krankheitsaktivität.
- Neurosyphilis: Liquorpunktion (Zellzahl, Eiweiß, VDRL, TPPA-Index).
- Lues-Serologie Reihenfolge: Suchtest TPPA/TPHA → Bestätigungstest FTA-Abs → Aktivitätsmarker FTA-Abs-IgM + VDRL quantitativ.
- TPPA positiv + VDRL negativ: Seronarbige Lues oder sehr frühe Infektion — Kontrolle empfohlen.
- Direktnachweis (Primärstadium): Dunkelfeldmikroskopie aus Ulkussekret, PCR aus Läsion.
Komplikationen & Sonderformen
- Lues maligna: schwere ulzerös-nekrotische Verlaufsform bei HIV-Koinfektion.
- Lues connata (kongenitale Syphilis):
- Frühform (< 2 J.): Pemphigus syphiliticus palmoplantar, Coryza syphilitica, Hepatosplenomegalie, Osteochondritis
- Spätform (> 2 J.): Hutchinson-Trias (Tonnenzähne, Keratitis interstitialis, Innenohrschwerhörigkeit), Sattelnase, Säbelscheidentibia
- Jarisch-Herxheimer-Reaktion: Fieber/Exanthem/Schüttelfrost 2–8 h nach erster Penicillin-Dosis — ausgelöst durch den Zerfall der Treponemen mit Freisetzung von Lipoproteinen und nachfolgendem Zytokinschub. Prophylaxe: Prednisolon 1 mg/kg KG p.o. oder i.v. 30–60 min vor der ersten Penicillin-Gabe, vor allem bei Neurosyphilis, okulärer und kardiovaskulärer Lues sowie bei hoher Erregerlast im Sekundärstadium; in der Schwangerschaft kann eine ausgeprägte Reaktion vorzeitige Wehen auslösen. Die Jarisch-Herxheimer-Reaktion ist keine Penicillinallergie — die Antibiose wird fortgeführt und rein symptomatisch (Antipyretika, Flüssigkeit) begleitet.
Differenzialdiagnosen
- Gumma bei tertiärer Syphilis
- Lepromatöse Lepra
- Pyoderma gangraenosum
- Mycosis fungoides
- Erythema migrans (Lyme-Borreliose)
- Pityriasis rosea
- Psoriasis vulgaris (Schuppenflechte)
- Psoriasis palmoplantaris
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- Peeling RW, Mabey D, Chen XS, Garcia PJ. Syphilis. Lancet. 2023;402(10398):336-346.
- Zhou J, Zhang H, Tang K, Liu R, Li J. An Updated Review of Recent Advances in Neurosyphilis. Front Med (Lausanne). 2022;9:800383.
- Deutsche STI-Gesellschaft (DSTIG). S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Syphilis. AWMF-Registernummer 059-002. Stand 2020, gültig bis 2025.
Weitere sexuell übertragbare Erkrankungen
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