Tiefe Venenthrombose

Übersicht
Klinische Zeichen
- Payr: Schmerz bei Flexion / Druck Fußsohle medial
- Meyer (= Mayr): Schmerz bei Druck auf Wade
- Homans: Schmerz medial Fußsohle / Wade bei Dorsalflexion
- Lokal: überwärmtes, ödematöses, livides Bein, prominente Kollateralvenen
Wells-Score (TVT)
| Punkt | Kriterium |
|---|---|
| +1 | aktive Tumorerkrankung |
| +1 | Paralyse / kürzliche Immobilisierung |
| +1 | Bettruhe > 3 d / große OP < 12 Wo (laut Original-Wells, Braun-Falco S. 1221) |
| +1 | Schmerz entlang Venenverlauf |
| +1 | Schwellung gesamtes Bein |
| +1 | Wadenumfang ≥ 3 cm Differenz |
| +1 | Eindrückbares Ödem stärker im symptomatischen Bein |
| +1 | Kollateralvenen sichtbar |
| +1 | frühere objektivierte TVT |
| −2 | alternative Diagnose mind. so wahrscheinlich |
- Bewertung: ≥ 2 → TVT wahrscheinlich → Duplex-Sono ± D-Dimer. Bei < 2 + neg. D-Dimer → TVT unwahrscheinlich.
- OP-Zeitfenster (häufiger Fehler!): Im Original-Wells-Score zählt große Chirurgie < 12 Wochen als +1 Punkt — nicht „< 4 Wochen“, wie oft fälschlich gelehrt.
D-Dimer — nur zum Ausschluss, nie zum Beweis
- Der D-Dimer-Test hat eine hohe Sensitivität bei niedriger Spezifität. Er taugt deshalb nur zum Ausschluss bei niedriger Vortestwahrscheinlichkeit — ein positiver Wert beweist gar nichts, ein negativer Wert bei Wells < 2 schließt die TVT praktisch aus.
- Altersadjustierter Grenzwert ab 50 Jahren: statt des festen Cut-offs von 500 µg/l FEU gilt Lebensalter × 10 µg/l — bei einer 80-Jährigen also 800 µg/l. Das senkt die Zahl unnötiger Sonografien deutlich, ohne Thrombosen zu übersehen.
- Falsch positiv ist der Wert bei Schwangerschaft, Tumor, Entzündung, frischer Operation, Trauma und im hohen Alter — also bei fast allen Patient:innen, bei denen man ihn anfordert.
Kompressionssonografie (KUS) — Standardverfahren der TVT-Diagnostik
- Prinzip: Eine offene Vene lässt sich mit dem Linearschallkopf im Querschnitt durch sanften Druck vollständig komprimieren (das Lumen verschwindet, stehen bleibt nur die pulsierende Arterie); eine thrombosierte Vene ist nicht oder nur unvollständig komprimierbar — die fehlende Komprimierbarkeit ist das entscheidende Kriterium, nicht die Echogenität.
- Ablauf: im Querschnitt von proximal nach distal in Schritten von 1–2 cm: V. femoralis communis samt Mündung der V. saphena magna (Crosse) → V. femoralis → Adduktorenkanal → V. poplitea (sitzend oder in Bauchlage) → Unterschenkelvenen (V. tibialis posterior, V. fibularis). Ergänzend Farbduplex und Flussmanöver (Valsalva, distale Kompression) zur Beurteilung von Restlumen und Reflux. Die Komplett-Kompressionssonografie erfasst das ganze Bein, die 2-Punkt-Kompressionssonografie nur Leiste und Kniekehle — dann ist bei negativem Befund und fortbestehendem Verdacht eine Kontrolle nach 5–7 Tagen nötig.
- Venenwandaufbau: dreischichtig wie die Arterie — Tunica intima, Tunica media, Tunica adventitia. Im Vergleich zur Arterie ist die Media deutlich muskelärmer und dünner — deshalb ist die Vene überhaupt komprimierbar; ab mittlerer Kalibergröße besitzen Venen zusätzlich Klappen (Intimaduplikaturen).
- Thrombusalter an der Echogenität: Ein frischer Thrombus ist echoarm bis nahezu echofrei und wird deshalb leicht übersehen — er verrät sich nur durch die fehlende Komprimierbarkeit und das aufgeweitete Venenlumen. Mit zunehmendem Alter wird der Thrombus echoreicher, schrumpft und haftet der Wand an; ein wandständiger echoreicher Restbefund spricht für ein postthrombotisches Residuum und nicht für eine frische Thrombose.
Differenzialdiagnosen
- Stammvarikose
- Teleangiektasien (Besenreiser) und retikuläre Venen
- Corona phlebectatica paraplantaris
- Purpura jaune d’ocre
- Atrophie blanche
- Lipodermatosklerose
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Im Browser starten Im App Store ladenQuellen (Auswahl)
- Plewig G, French L, Ruzicka T, Kaufmann R, Hertl M (Hrsg). Braun-Falcos Dermatologie, Venerologie und Allergologie. 7. Aufl. Berlin: Springer; 2018. S. 1220-1221.
- Wells PS, Anderson DR, Rodger M, et al. Evaluation of D-dimer in the diagnosis of suspected deep-vein thrombosis. N Engl J Med. 2003;349(13):1227-1235.
- Linnemann B, et al. Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und der Lungenembolie. S2k-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 065/002. Stand: September 2023.
Weitere Gefäßerkrankungen der Haut
- Erythromelalgie
- Leukozytoklastische Vaskulitis
- Lichen aureus (Martin 1958)
- Oberflächliche Thrombophlebitis
- Stammvarikose
Hinweis: Diese Seite dient der ärztlichen Aus- und Weiterbildung und ersetzt keine Diagnose oder Therapieentscheidung im Einzelfall. Therapie- und Nachsorgeinhalte findest du in der App.