Erysipel


Vertiefung: Klinisch wichtige Fakten zu den Pyodermien
Staphylococcus aureus — Exfoliative Toxine
- ETA und ETB sind Serinproteasen, die Desmoglein-1 spalten → intraepidermale Spaltbildung (gleicher Mechanismus wie Pemphigus foliaceus).
Ekthyma
- Risikofaktoren: Typische Risiken sind DM + HIV + CVI, mangelnde Hygiene und Eintrittspforten (Prurigo, Skabies).
- Erreger: Häufig sind Strep. + Staph. + Pseudomonas.
- Komplikation: Post-Streptokokken-Glomerulonephritis.
SSSS (Staphylococcal Scalded Skin Syndrome)
- Klinik: großflächige Erytheme mit Nikolsky-positiven Erosionen, am Rücken durch Schweiß DD-relevant zu TEN (Histologie: SSSS subkorneal, TEN dermo-epidermal!).
- Eintrittspforte: Meist Otitis media oder Pharyngitis mit toxinbildenden S. aureus.
Cellulitis vs. Erysipel vs. Phlegmone vs. Nekrotisierende Fasziitis
| Entität | Tiefe | Erreger | Klinik |
|---|---|---|---|
| Erysipel | Dermis | 90 % Strep. A | scharf begrenzt, schmetterlingsförmig, schnelle Ausbreitung |
| Cellulitis | Dermis + Subkutis | Strep. A / Staph. aureus | unschärfer als Erysipel, weniger invasiv (engl. Begriff) |
| Phlegmone | Subkutis | Strep. A, Staph. aureus, Mischflora | unscharf, diffus, infiltrativ |
| NF | Faszien | Strep. A (Typ II) / polymikrobiell (Typ I) | Vernichtungsschmerz, rasche Progression |
NF = Nekrotisierende Fasziitis · „Cellulitis“ ist der angloamerikanische Begriff und entspricht im Deutschen meist der Phlegmone.
- Erysipel-Ausbreitungsrichtung: Typisch ist distal nach proximal über die Lymphbahnen.
- Erysipel im Gesicht: Erstwahl ist auch im Gesicht Penicillin G (oder V); bei unzureichendem Ansprechen oder Eintrittspforte mit S.-aureus-Verdacht Flucloxacillin oder Amoxicillin/Clavulansäure ergänzen.
- Erysipel bei angegebener Penicillinallergie: Zuerst die Anamnese schärfen: Die meisten angegebenen „Penicillinallergien“ sind keine echte Soforttyp-Allergie (Exanthem im Virusinfekt, GI-Beschwerden, vage Kindheitsangabe). Bei anamnestisch milder, nicht sofortiger Reaktion darf ein Cephalosporin (z. B. Cefazolin oder Cefuroxim) gegeben werden — die Kreuzreaktivität moderner Cephalosporine mit Penicillinen liegt deutlich unter den historisch genannten 10 % und hängt vor allem an der Ähnlichkeit der Seitenkette, nicht am Betalaktamring selbst. Bei echter Soforttypreaktion (Urtikaria, Angioödem, Anaphylaxie) oder schwerer kutaner Arzneimittelreaktion (SJS/TEN, DRESS) werden Betalaktame gemieden: Standardalternative ist Clindamycin, das zusätzlich am 50S-Ribosom die Toxinsynthese hemmt — alternativ Makrolide (Resistenzlage beachten), bei schwerem Verlauf Linezolid oder Vancomycin. Nach Ausheilung allergologische Abklärung anbieten und den Allergiepass korrigieren; unnötige Betalaktam-Vermeidung verschlechtert nachweislich die Behandlungsqualität.
- Rezidiv-Risiko Erysipel: 6 Monate ~ 10 %, 3 Jahre ~ 30 %.
Nekrotisierende Fasziitis — Sonderformen
- Fournier-Gangrän: Definiert als nekrotisierende Fasziitis genitoanal mit fulminantem polymikrobiellem Verlauf (E. coli + Anaerobier + Enterokokken).
- Phlegmasia coerulea dolens: Charakteristisch ist eine fulminante venöse Blockade mit lividem Bein + Schock — Notfall und wichtige DD zur nekrotisierenden Fasziitis.
Rezidivierende streptogene perineale Dermatitis (Kinder)
- Klinik: scharfes, leuchtend rotes Anogenital-Erythem bei Kindern, oft mit Pruritus und schmerzhafter Defäkation.
Differenzialdiagnosen
- Phlegmone
- Erysipeloid
- Urtikaria
- Angioödem
- Kontaktekzem
- Herpes zoster
- Lupus pernio (Sarkoidose)
- Rosacea fulminans / Pyoderma faciale
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- Amagai M, Matsuyoshi N, Wang ZH, Andl C, Stanley JR. Toxin in bullous impetigo and staphylococcal scalded-skin syndrome targets desmoglein 1. Nat Med. 2000;6(11):1275-1277.
- Plewig G, French L, Ruzicka T, Kaufmann R, Hertl M (Hrsg). Braun-Falcos Dermatologie, Venerologie und Allergologie. 7. Aufl. Berlin: Springer; 2018.
- Stevens DL, Bisno AL, Chambers HF, et al. Practice guidelines for the diagnosis and management of skin and soft tissue infections: 2014 update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2014;59(2):e10-52.
Weitere bakterielle Hautinfektionen
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