SAMPLER- und OPQRST-Schema: Anamnese im Rettungsdienst
Im Einsatz zählt jede Minute – und trotzdem entscheidet oft ein gutes Gespräch über die richtige Arbeitsdiagnose. Zwei Merkhilfen helfen dabei, nichts Wichtiges zu vergessen: SAMPLER für die kurze Notfallanamnese und OPQRST für die genaue Beschreibung eines Symptoms, meist des Schmerzes. Dieser Ratgeber erklärt jeden Buchstaben, gibt Beispielfragen in Alltagssprache und zeigt typische Fehler.
Wo SAMPLER und OPQRST im Einsatzablauf stehen
Am Anfang steht die Frage, ob eine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Dafür ist das ABCDE-Schema da. Die SAMPLER-Anamnese wird in der Literatur ausdrücklich als Ergänzung dazu beschrieben (Fudickar & Wagener 2023; DocCheck Flexikon). Im Team kann eine Person das Gespräch führen, während eine andere untersucht. Ist die Patientin oder der Patient nicht ansprechbar, wird die Anamnese als Fremdanamnese erhoben: bei Angehörigen, Zeuginnen und Zeugen, Pflegekräften oder aus mitgebrachten Unterlagen wie einem Medikationsplan oder Notfallausweis.
OPQRST ist kein eigener Ablauf, sondern eine Vertiefung: Es wird in der Regel im Rahmen von SAMPLER abgefragt, und zwar beim ersten Buchstaben – den Symptomen (DocCheck Flexikon, Einträge SAMPLE-Schema und OPQRST-Schema).
SAMPLER: die Buchstaben im Einzelnen
Die Buchstaben stammen aus dem Englischen. Die deutschen Bezeichnungen unten folgen dem Eintrag im DocCheck Flexikon; in Lehrbüchern und an Schulen gibt es leichte Abweichungen.
| Buchstabe | Bedeutung | Beispielfragen in Alltagssprache |
|---|---|---|
| S – Symptoms | Symptome: Was führt zum Notruf? | „Was ist passiert?“ · „Was macht Ihnen gerade die meisten Beschwerden?“ · „Seit wann haben Sie das?“ |
| A – Allergies | Allergien und Unverträglichkeiten | „Sind Sie gegen irgendetwas allergisch – zum Beispiel gegen Pflaster, Latex, Lebensmittel oder Insektenstiche?“ · „Haben Sie schon einmal etwas nicht vertragen, das Sie im Krankenhaus bekommen haben?“ |
| M – Medications | Medikation: Was wird regelmäßig oder zuletzt eingenommen? | „Nehmen Sie regelmäßig etwas ein – auch Sprays, Spritzen, Pflaster, die Pille oder etwas Pflanzliches?“ · „Haben Sie einen Medikationsplan dabei?“ · „Haben Sie heute alles wie gewohnt genommen?“ · „Haben Sie Alkohol getrunken oder etwas anderes genommen?“ |
| P – Past medical history | Medizinische Vorgeschichte: Vorerkrankungen, Operationen, Krankenhausaufenthalte | „Sind Sie wegen einer Erkrankung in Behandlung?“ · „Wurden Sie schon einmal operiert?“ · „Haben Sie einen Notfall- oder Allergieausweis?“ |
| L – Last oral intake | Letzte Nahrungsaufnahme; dazu können auch der letzte Toilettengang oder Stuhlgang gefragt werden | „Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen oder getrunken?“ · „Wann waren Sie zuletzt auf der Toilette?“ |
| E – Events | Ereignisse vor dem Vorfall: Was ging den Beschwerden voraus? | „Was haben Sie gerade gemacht, als es angefangen hat?“ · „Ist vorher etwas passiert – ein Sturz, große Anstrengung, Aufregung?“ |
| R – Risk factors | Risikofaktoren (optionaler Zusatz) | „Rauchen Sie?“ · „Gibt es in Ihrer Familie Herzkrankheiten?“ · „Waren Sie in letzter Zeit auf einer langen Reise oder viel im Bett?“ |
Varianten: Ohne das R heißt die Merkhilfe SAMPLE. Das DocCheck Flexikon nennt AMPLE als kürzere Form für Verletzte und SAMPLER für internistische Patientinnen und Patienten. Als weiterer, optionaler Punkt wird bei Frauen im gebärfähigen Alter die Schwangerschaft genannt – taktvoll gefragt: „Ist es möglich, dass Sie schwanger sind?“ Welche Variante an deiner Schule gilt, steht im Unterrichtsmaterial.
OPQRST: ein Symptom genau beschreiben
OPQRST wird vor allem für die Schmerzanamnese eingesetzt, passt aber auch auf andere Beschwerden wie Atemnot oder Schwindel. Die Antworten helfen, Beschwerdebilder zu unterscheiden – ein schlagartig einsetzender, reißender Schmerz klingt anders als ein Schmerz, der kommt und geht.
| Buchstabe | Bedeutung | Beispielfragen in Alltagssprache |
|---|---|---|
| O – Onset | Beginn: wann und wie? | „Wann genau hat es angefangen?“ · „Kam es ganz plötzlich oder langsam?“ · „Was haben Sie in dem Moment gemacht?“ |
| P – Provocation / Palliation | Was verstärkt, was lindert? | „Wird es schlimmer, wenn Sie sich bewegen, tief einatmen oder wenn ich hier drücke?“ · „Wird es besser, wenn Sie sich hinsetzen oder ruhig liegen?“ |
| Q – Quality | Charakter des Schmerzes | „Wie fühlt sich der Schmerz an – drückend, stechend, brennend, ziehend oder krampfartig?“ |
| R – Region / Radiation | Ort und Ausstrahlung | „Wo genau tut es weh? Zeigen Sie es mir bitte mit einem Finger.“ · „Zieht der Schmerz irgendwohin – in den Arm, den Rücken, den Kiefer?“ |
| S – Severity | Stärke, meist mit einer Zahlenskala | „Wenn 0 gar kein Schmerz ist und 10 der stärkste Schmerz, den Sie sich vorstellen können: Wo liegen Sie gerade?“ |
| T – Time | Zeitlicher Verlauf | „Ist es seitdem gleich geblieben, stärker geworden, oder kommt und geht es?“ · „Hatten Sie so etwas schon einmal?“ |
Zur Schmerzskala gibt es unterschiedliche Angaben: Der DocCheck-Eintrag zur Numerischen Rating-Skala beschreibt eine Skala von 0 bis 10 (0 = kein Schmerz, 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz). Die DocCheck-Einträge zum OPQRST- und zum SAMPLE-Schema sprechen dagegen von einer Skala von 1 bis 10. Wichtig ist vor allem, dass du die Skala erklärst und den Wert im Verlauf mit derselben Skala erneut erfragst.
Der Unterschied auf einen Blick
| SAMPLER | OPQRST | |
|---|---|---|
| Ziel | Überblick: Wer ist die Person, was ist passiert, was ist für die Weiterversorgung wichtig? | Tiefe: ein Leitsymptom genau beschreiben |
| Umfang | Breit – Vorgeschichte, Medikation, Allergien, Ereignis | Eng – nur das eine Symptom |
| Stellung | Ergänzt die Ersteinschätzung nach ABCDE | Wird meist beim „S“ von SAMPLER abgefragt |
| Typische Frage | „Nehmen Sie regelmäßig etwas ein?“ | „Strahlt der Schmerz irgendwohin aus?“ |
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
- Anamnese vor der Ersteinschätzung: Wer bei einer bedrohlichen Atemstörung zuerst nach Allergien fragt, setzt die falsche Reihenfolge. Lebensbedrohliches wird nach ABCDE zuerst erkannt.
- Formular statt Gespräch: SAMPLER ist eine Gedächtnisstütze, keine starre Abfrage. Erzählt jemand von selbst, hör zu und hak die Punkte im Kopf ab.
- Fachsprache: „Haben Sie eine Dyspnoe?“ versteht kaum jemand. Besser: „Bekommen Sie schlecht Luft?“ Mehr dazu im Ratgeber Anamnese auf Deutsch.
- Suggestiv- und Mehrfachfragen: „Der Schmerz strahlt aber nicht in den Arm, oder?“ lenkt die Antwort. Eine offene Frage pro Satz liefert verlässlichere Antworten.
- „Nein“ zu Medikation wörtlich nehmen: Viele denken bei der Frage nicht an Sprays, Spritzen, Pflaster, die Pille oder Pflanzliches. Nachfragen und nach einem Medikationsplan fragen.
- Fremdanamnese vergessen: Angehörige, Pflegedienst oder hausärztliche Unterlagen liefern oft genau die fehlenden Puzzleteile.
- Schmerzskala ohne Erklärung: Eine Zahl ohne erklärte Skala ist kaum vergleichbar. Und ein einzelner Wert sagt weniger als der Verlauf.
- Nicht dokumentiert, nicht übergeben: Was du erfragt hast, gehört ins Protokoll und in die Übergabe in der Klinik. Wie eine strukturierte Übergabe klingt, zeigt der Ratgeber Übergabe und Arzt-Arzt-Gespräch.
Bezug zur Notfallsanitäter-Ausbildung
Das Notfallsanitätergesetz nennt als Ausbildungsziel unter anderem das eigenverantwortliche „Beurteilen des Gesundheitszustandes von erkrankten und verletzten Personen, insbesondere Erkennen einer vitalen Bedrohung“ (§ 4 Abs. 2 Nr. 1 b NotSanG). Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (NotSan-APrV) führt im ersten Themenbereich des Unterrichts („Notfallsituationen bei Menschen aller Altersgruppen sowie Gefahrensituationen erkennen, erfassen und bewerten“, 360 Stunden) ausdrücklich die Fähigkeit auf, eine Eigen- und Fremdanamnese zielgerichtet zu erheben und die Befunde zu einer Arbeitsdiagnose zusammenzuführen.
Im praktischen Teil der staatlichen Prüfung übernimmt der Prüfling bei vier vorgegebenen Fallbeispielen die Versorgung – unter anderem die Einschätzung der Gesamtsituation, die Erstellung einer Arbeitsdiagnose und die Dokumentation. Je ein Fall muss aus den internistischen Notfällen, den traumatologischen Notfällen und dem Bereich Herz-Kreislauf-Stillstand mit Reanimation stammen (§ 17 Abs. 2 NotSan-APrV). Ein bestimmtes Schema schreibt die Verordnung dabei nicht vor; SAMPLER und OPQRST sind verbreitete Merkhilfen, um die geforderte strukturierte Anamnese zuverlässig abzudecken.
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Im Browser starten Im App Store ladenHäufige Fragen
Wofür steht SAMPLER?
Für Symptome, Allergien, Medikation, medizinische Vorgeschichte (Past medical history), letzte Nahrungsaufnahme (Last oral intake), Ereignisse vor dem Vorfall (Events) und Risikofaktoren. Ohne das R heißt die Merkhilfe SAMPLE.
Was ist der Unterschied zwischen SAMPLER und OPQRST?
SAMPLER gibt einen breiten Überblick über die Notfallanamnese. OPQRST beschreibt ein einzelnes Symptom genau – Beginn, Verstärkung und Linderung, Charakter, Ort und Ausstrahlung, Stärke und Verlauf – und wird meist beim „S“ von SAMPLER abgefragt.
Kommt die SAMPLER-Anamnese vor oder nach dem ABCDE-Schema?
Lebensbedrohliche Probleme werden zuerst mit dem ABCDE-Schema erkannt. Die SAMPLER-Anamnese wird als Ergänzung dazu beschrieben; im Team kann sie parallel zur Untersuchung erhoben werden.
Ist SAMPLER in der Notfallsanitäter-Prüfung vorgeschrieben?
Nein, die NotSan-APrV nennt kein bestimmtes Schema. Sie verlangt, eine Eigen- und Fremdanamnese zielgerichtet zu erheben und daraus eine Arbeitsdiagnose zu erstellen. SAMPLER und OPQRST sind verbreitete Merkhilfen dafür.
Quellen
- Notfallsanitätergesetz (NotSanG), § 4 Ausbildungsziel – gesetze-im-internet.de
- Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter (NotSan-APrV) vom 16.12.2013, BGBl. I S. 4280, zuletzt geändert 7.6.2023 – gesetze-im-internet.de
- DocCheck Flexikon: SAMPLE-Schema (SAMPLER), zuletzt bearbeitet 29.05.2026
- DocCheck Flexikon: OPQRST-Schema, zuletzt bearbeitet 22.03.2018
- DocCheck Flexikon: Numerische Rating-Skala, zuletzt bearbeitet 21.05.2026
- Fudickar A, Wagener K: Ein erweitertes ABCDE-Schema als kognitives Hilfsmittel in Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin. Anästh Intensivmed 2023;64:89–93, DOI 10.19224/ai2023.089
- Thim T, Krarup NHV, Grove EL, Rohde CV, Løfgren B: Initial assessment and treatment with the Airway, Breathing, Circulation, Disability, Exposure (ABCDE) approach. Int J Gen Med 2012;5:117–121, DOI 10.2147/IJGM.S28478 (Open Access)
Hinweis: Dieser Ratgeber erklärt Merkhilfen für die Anamnese und gibt Beispielfragen. Er enthält keine Behandlungsempfehlungen. Maßnahmen im Einsatz richten sich nach Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes sowie nach den Vorgaben deines Rettungsdienstbereichs. Stand: 23.10.2026.