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ABCDE-Schema: strukturierte Ersteinschätzung

Lesezeit ca. 7 Minuten · Für Rettungsdienst, Pflege und Medizin

Von Dr. Pascal Bafteh, Facharzt für Dermatologie und Innere Medizin · Stand 10/2026

Ein Mensch ist plötzlich schwer krank oder verletzt – und alles wirkt gleichzeitig dringend. Das ABCDE-Schema bringt Ordnung hinein: Es legt fest, in welcher Reihenfolge du beurteilst, damit das Bedrohlichste zuerst auffällt. Dieser Ratgeber erklärt, was bei jedem Buchstaben beurteilt wird und woran du ein Problem erkennst.

Kurz gesagt: ABCDE steht für Airway (Atemweg), Breathing (Atmung), Circulation (Kreislauf), Disability (neurologischer Zustand) und Exposure/Environment (Entkleiden, Ganzkörperblick, Umgebung). Beurteilt wird in dieser Reihenfolge, weil ein Problem am Atemweg in der Regel schneller lebensbedrohlich wird als eines am Kreislauf. Die Beurteilung wird regelmäßig und bei jeder Verschlechterung von vorn begonnen.

Das Prinzip: Reihenfolge nach Dringlichkeit

Hinter dem Schema steht der Grundsatz „treat first what kills first“. Für die Beurteilung heißt das: Du gehst die Buchstaben der Reihe nach durch, und ein Problem, das du bei A findest, hat Vorrang vor allem, was bei B bis E noch kommt. Thim und Kollegen beschreiben den Ablauf so: zuerst lebensbedrohliche Probleme am Atemweg, dann an der Atmung und so weiter. Beurteilung und Versorgung laufen dabei fortlaufend und oft gleichzeitig; welche Maßnahmen folgen, richtet sich nach Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes.

Drei Punkte gehören fest dazu:

A – Airway: Ist der Atemweg frei?

Was beurteilt wird: ob Luft ungehindert durch Mund, Nase, Rachen und Kehlkopf strömen kann.

Woran du ein Problem erkennst:

B – Breathing: Reicht die Atmung?

Was beurteilt wird: wie schnell, wie tief und wie mühsam die Person atmet und ob beide Lungenhälften belüftet werden.

Eine hohe oder weiter steigende Atemfrequenz ist ein frühes Warnzeichen; der Resuscitation Council UK nennt eine Frequenz über 25 pro Minute ausdrücklich als Krankheitszeichen.

C – Circulation: Wie steht es um den Kreislauf?

Was beurteilt wird: ob genug Blut durch den Körper gepumpt wird und ob Blut verloren geht.

Blasse, kalte, feuchte Haut zusammen mit verlängerter Rekapillarisierungszeit und schnellem Puls spricht für eine Kreislaufstörung – auch dann, wenn der Blutdruck noch normal ist.

D – Disability: Wie wach ist die Person, wie ist der neurologische Zustand?

E – Exposure / Environment: Was übersieht man sonst?

Orientierungswerte für Erwachsene

Die folgenden Werte sind allgemein übliche Orientierungsbereiche für Erwachsene aus den angegebenen Quellen. Sie sind keine Grenzwerte für Entscheidungen: Thim und Kollegen weisen ausdrücklich darauf hin, dass jemand mit Werten im Normbereich trotzdem kritisch krank sein kann. Für Kinder gelten andere Werte.

MessgrößeOrientierung (Erwachsene)Quelle
Atemfrequenz12–20 pro MinuteResuscitation Council UK; Thim et al. 2012
Periphere Sättigung (SpO₂)97–100 %Thim et al. 2012
Rekapillarisierungszeitunter 2 SekundenResuscitation Council UK; Thim et al. 2012
Pulsfrequenz60–100 pro MinuteThim et al. 2012
Systolischer Blutdruck100–140 mmHgThim et al. 2012
Blutdruckamplitude (Pulsdruck)35–45 mmHgResuscitation Council UK
Glasgow Coma Scale15 von 15 Punkten bei voller Wachheit; Spanne 3–15Glasgow Coma Scale (Universität Glasgow)

ABCDE, xABCDE und cABCDE

Bei Verletzten wird dem Schema häufig ein Buchstabe vorangestellt: x oder c steht für die lebensbedrohliche äußere Blutung, die noch vor dem Atemweg Vorrang hat (Fudickar & Wagener 2023). Mit der 9. Auflage hat das PHTLS-Lehrbuch die Merkhilfe XABCDE (eXsanguinating hemorrhage) eingeführt, so die Verlagsbeschreibung; inzwischen ist die 10. Auflage erschienen. Auch hier gilt: Das Schema ordnet die Beurteilung; welche Maßnahmen folgen, regeln Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes.

Woher das Schema kommt: ERC, ATLS, PHTLS

Die Kurskonzepte unterscheiden sich in Details – etwa beim vorangestellten x oder c. Die Grundidee, nach Dringlichkeit zu beurteilen und regelmäßig neu zu beurteilen, ist überall dieselbe.

ABCDE und die Anamnese

Das ABCDE-Schema beantwortet die Frage „Was bedroht dieses Leben gerade?“. Die Frage „Wer ist die Person und was ist passiert?“ beantwortet die Anamnese, im Rettungsdienst meist mit den Merkhilfen SAMPLER und OPQRST. Beides ergänzt sich – mehr dazu im Ratgeber SAMPLER- und OPQRST-Schema.

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Häufige Fragen

Wofür steht ABCDE?

Für Airway (Atemweg), Breathing (Atmung), Circulation (Kreislauf), Disability (Bewusstsein und neurologischer Zustand) und Exposure/Environment (Entkleiden, Ganzkörperblick, Umgebung).

Was bedeutet „treat first what kills first“?

Wörtlich: „Behandle zuerst, was zuerst tötet.“ Für die Beurteilung heißt das: Was am schnellsten lebensbedrohlich wird, wird zuerst geprüft. Deshalb steht der Atemweg vor der Atmung und die Atmung vor dem Kreislauf; ein Problem bei A hat Vorrang vor allem, was danach kommt.

Was ist der Unterschied zwischen ABCDE und xABCDE?

Bei xABCDE (oder cABCDE) steht ein Buchstabe für die lebensbedrohliche äußere Blutung vor dem Atemweg. Diese Form wird vor allem bei Verletzten verwendet, das PHTLS-Lehrbuch nutzt seit der 9. Auflage XABCDE.

Wird das ABCDE-Schema auch beim Kreislaufstillstand angewendet?

Nein. Reagiert die Person nicht und atmet nicht normal, gilt der Reanimationsablauf nach den Leitlinien. Das ABCDE-Schema ist für Kranke und Verletzte gedacht, die nicht im Kreislaufstillstand sind.

Quellen

  1. Thim T, Krarup NHV, Grove EL, Rohde CV, Løfgren B: Initial assessment and treatment with the Airway, Breathing, Circulation, Disability, Exposure (ABCDE) approach. Int J Gen Med 2012;5:117–121, DOI 10.2147/IJGM.S28478 (Open Access)
  2. Resuscitation Council UK: The ABCDE Approach (veröffentlicht 10/2015, aktualisiert 07/2024)
  3. Glasgow Coma Scale – offizielle Seite der Universität Glasgow (Teasdale et al.)
  4. European Resuscitation Council: ERC Guidelines 2025, Resuscitation 2025;215 (Executive Summary, DOI 10.1016/j.resuscitation.2025.110770)
  5. American College of Surgeons, Committee on Trauma: Advanced Trauma Life Support (ATLS), 11. Auflage 2025
  6. NAEMT: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS), in Zusammenarbeit mit dem ACS Committee on Trauma
  7. Verlagsbeschreibung zu PHTLS, 9. Auflage (Jones & Bartlett Learning) mit der Merkhilfe XABCDE
  8. Fudickar A, Wagener K: Ein erweitertes ABCDE-Schema als kognitives Hilfsmittel in Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin. Anästh Intensivmed 2023;64:89–93, DOI 10.19224/ai2023.089
  9. NAEMT: PHTLS – Prehospital Trauma Life Support, 10. Auflage (Verlagsbeschreibung)

Hinweis: Dieser Ratgeber erklärt die Reihenfolge der Beurteilung und typische Befunde zum Lernen. Er ist keine Behandlungsanleitung und enthält keine Behandlungsempfehlungen. Maßnahmen im Einsatz richten sich nach Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes. Die Orientierungswerte stammen aus den genannten Quellen (Stand: 23.10.2026).