ABCDE-Schema: strukturierte Ersteinschätzung
Ein Mensch ist plötzlich schwer krank oder verletzt – und alles wirkt gleichzeitig dringend. Das ABCDE-Schema bringt Ordnung hinein: Es legt fest, in welcher Reihenfolge du beurteilst, damit das Bedrohlichste zuerst auffällt. Dieser Ratgeber erklärt, was bei jedem Buchstaben beurteilt wird und woran du ein Problem erkennst.
Das Prinzip: Reihenfolge nach Dringlichkeit
Hinter dem Schema steht der Grundsatz „treat first what kills first“. Für die Beurteilung heißt das: Du gehst die Buchstaben der Reihe nach durch, und ein Problem, das du bei A findest, hat Vorrang vor allem, was bei B bis E noch kommt. Thim und Kollegen beschreiben den Ablauf so: zuerst lebensbedrohliche Probleme am Atemweg, dann an der Atmung und so weiter. Beurteilung und Versorgung laufen dabei fortlaufend und oft gleichzeitig; welche Maßnahmen folgen, richtet sich nach Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes.
Drei Punkte gehören fest dazu:
- Vorher: Eigenschutz und ein erster Gesamteindruck – Hautfarbe, Schweiß, Umgebung (Thim et al. 2012). Häufig wird dafür ein Schema zur Lage vorangestellt, etwa das 3S- oder 4S-Schema („Scene, Situation, Safety, Support“) (Fudickar & Wagener 2023).
- Nicht beim Kreislaufstillstand: Reagiert die Person nicht und atmet nicht normal, gilt der Reanimationsablauf nach den Leitlinien, nicht das ABCDE-Schema (Thim et al. 2012; zum Vorgehen nach GRC-Leitlinien siehe Fudickar & Wagener 2023).
- Immer wieder von vorn: Die Beurteilung wird wiederholt, bis der Zustand stabil ist, und sofort bei jeder Verschlechterung. Der Resuscitation Council UK betont außerdem, früh Hilfe nachzufordern und das ganze Team zu nutzen.
A – Airway: Ist der Atemweg frei?
Was beurteilt wird: ob Luft ungehindert durch Mund, Nase, Rachen und Kehlkopf strömen kann.
Woran du ein Problem erkennst:
- Spricht die Person in ganzen Sätzen mit normaler Stimme, ist der Atemweg in diesem Moment frei.
- Hinweise auf eine teilweise Verlegung: veränderte oder kloßige Stimme, Atemgeräusche wie pfeifendes Einatmen (Stridor), Gurgeln oder – bei Bewusstlosen – Schnarchen, sichtbar vermehrte Atemarbeit.
- Hinweise auf eine vollständige Verlegung: keine Atmung trotz Atemanstrengung, Brustkorb und Bauch bewegen sich gegenläufig („Schaukelatmung“).
- Sichtbare Ursachen im Mund: Erbrochenes, Blut, Fremdkörper, Schwellung.
- Eine häufige Ursache einer Verlegung ist eine Bewusstseinsminderung (Thim et al. 2012).
B – Breathing: Reicht die Atmung?
Was beurteilt wird: wie schnell, wie tief und wie mühsam die Person atmet und ob beide Lungenhälften belüftet werden.
- Beobachten: Atemfrequenz über eine Zeitspanne zählen, Atemtiefe, Seitengleichheit der Brustkorbbewegung, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Sprechen nur in kurzen Satzteilen, bläuliche Verfärbung von Lippen oder Haut (Zyanose), gestaute Halsvenen.
- Untersuchen: abhören (seitengleiches Atemgeräusch? Nebengeräusche wie Giemen oder Rasseln?), abklopfen (einseitig gedämpfter oder auffallend lauter Klopfschall).
- Messen: periphere Sättigung (SpO₂) mit dem Pulsoxymeter. Ein normaler Wert schließt eine gestörte Atmung nicht aus: Das Pulsoxymeter erkennt keinen Anstieg des Kohlendioxids (Resuscitation Council UK).
Eine hohe oder weiter steigende Atemfrequenz ist ein frühes Warnzeichen; der Resuscitation Council UK nennt eine Frequenz über 25 pro Minute ausdrücklich als Krankheitszeichen.
C – Circulation: Wie steht es um den Kreislauf?
Was beurteilt wird: ob genug Blut durch den Körper gepumpt wird und ob Blut verloren geht.
- Beobachten: Hautfarbe und -temperatur, kalter Schweiß, sichtbare Blutungen, Hinweise auf verdeckten Blutverlust (zum Beispiel ein gespannter Bauch nach einem Unfall).
- Untersuchen: Rekapillarisierungszeit (Druck auf Fingerbeere oder Nagelbett, dann beobachten, wie schnell die Farbe zurückkehrt; Kälte, schlechtes Licht und höheres Alter können sie verlängern), Puls tasten – Frequenz, Rhythmus, Füllung –, Herz abhören.
- Messen: Blutdruck, EKG-Überwachung.
Blasse, kalte, feuchte Haut zusammen mit verlängerter Rekapillarisierungszeit und schnellem Puls spricht für eine Kreislaufstörung – auch dann, wenn der Blutdruck noch normal ist.
D – Disability: Wie wach ist die Person, wie ist der neurologische Zustand?
- Bewusstseinslage nach AVPU: wach (Alert), reagiert auf Ansprache (Voice), reagiert nur auf Schmerzreiz (Pain), reagiert nicht (Unresponsive). Der Resuscitation Council UK nutzt die erweiterte Form ACVPU, bei der neu aufgetretene Verwirrtheit (Confused) als eigene Stufe zählt.
- Glasgow Coma Scale: Augenöffnen, verbale und motorische Reaktion ergeben einen Summenwert von 3 bis 15 – zum Üben gibt es unseren GCS-Rechner.
- Pupillen: Größe, Seitengleichheit, Reaktion auf Licht.
- Bewegung: Können beide Arme und Beine bewegt werden, gibt es Seitenunterschiede?
- Blutzucker messen: Ein niedriger Blutzucker kann eine Bewusstseinsstörung erklären (Thim et al. 2012).
E – Exposure / Environment: Was übersieht man sonst?
- So weit nötig entkleiden, um den ganzen Körper anzusehen – und dabei die Würde der Person wahren (Thim et al. 2012).
- Haut: Ausschlag, Quaddeln, Verletzungen, Prellmarken, Einstichstellen.
- Körpertemperatur fühlen oder messen.
- Umgebung: Kälte, Nässe, Hitze, Hinweise auf den Hergang, Packungen oder Unterlagen. Weil Auskühlung den Zustand verschlechtern kann, gehört der Blick auf die Umgebung fest zu E; Maßnahmen nach Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes.
Orientierungswerte für Erwachsene
Die folgenden Werte sind allgemein übliche Orientierungsbereiche für Erwachsene aus den angegebenen Quellen. Sie sind keine Grenzwerte für Entscheidungen: Thim und Kollegen weisen ausdrücklich darauf hin, dass jemand mit Werten im Normbereich trotzdem kritisch krank sein kann. Für Kinder gelten andere Werte.
| Messgröße | Orientierung (Erwachsene) | Quelle |
|---|---|---|
| Atemfrequenz | 12–20 pro Minute | Resuscitation Council UK; Thim et al. 2012 |
| Periphere Sättigung (SpO₂) | 97–100 % | Thim et al. 2012 |
| Rekapillarisierungszeit | unter 2 Sekunden | Resuscitation Council UK; Thim et al. 2012 |
| Pulsfrequenz | 60–100 pro Minute | Thim et al. 2012 |
| Systolischer Blutdruck | 100–140 mmHg | Thim et al. 2012 |
| Blutdruckamplitude (Pulsdruck) | 35–45 mmHg | Resuscitation Council UK |
| Glasgow Coma Scale | 15 von 15 Punkten bei voller Wachheit; Spanne 3–15 | Glasgow Coma Scale (Universität Glasgow) |
ABCDE, xABCDE und cABCDE
Bei Verletzten wird dem Schema häufig ein Buchstabe vorangestellt: x oder c steht für die lebensbedrohliche äußere Blutung, die noch vor dem Atemweg Vorrang hat (Fudickar & Wagener 2023). Mit der 9. Auflage hat das PHTLS-Lehrbuch die Merkhilfe XABCDE (eXsanguinating hemorrhage) eingeführt, so die Verlagsbeschreibung; inzwischen ist die 10. Auflage erschienen. Auch hier gilt: Das Schema ordnet die Beurteilung; welche Maßnahmen folgen, regeln Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes.
Woher das Schema kommt: ERC, ATLS, PHTLS
- ERC: Der European Resuscitation Council veröffentlicht die europäischen Reanimationsleitlinien, zuletzt im Oktober 2025. Die Übersichtsarbeit von Thim und Kollegen stützt ihre Beschreibung des ABCDE-Vorgehens auf die damaligen ERC-Leitlinien von 2010; sie beschreibt das Schema als für alle akuten Notfälle bei Erwachsenen und Kindern geeignet.
- ATLS: Advanced Trauma Life Support ist das Kursprogramm des Trauma-Komitees des American College of Surgeons für die systematische Versorgung Schwerverletzter, aktuell in der 11. Auflage (2025). Nach Thim und Kollegen geht die Verbreitung des ABCDE-Vorgehens auf Styner zurück: Nach einem Flugzeugabsturz mit seiner Familie 1976 erlebte er eine unzureichende Notfallversorgung, und seine Forderung nach einem systematischen Vorgehen bildete die Grundlage der ATLS-Kurse.
- PHTLS: Prehospital Trauma Life Support ist der Kurs der US-Rettungsdienstvereinigung NAEMT für die präklinische Traumaversorgung, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem ACS-Trauma-Komitee.
Die Kurskonzepte unterscheiden sich in Details – etwa beim vorangestellten x oder c. Die Grundidee, nach Dringlichkeit zu beurteilen und regelmäßig neu zu beurteilen, ist überall dieselbe.
ABCDE und die Anamnese
Das ABCDE-Schema beantwortet die Frage „Was bedroht dieses Leben gerade?“. Die Frage „Wer ist die Person und was ist passiert?“ beantwortet die Anamnese, im Rettungsdienst meist mit den Merkhilfen SAMPLER und OPQRST. Beides ergänzt sich – mehr dazu im Ratgeber SAMPLER- und OPQRST-Schema.
Typische Fehler
- Springen: Die auffälligste Verletzung zieht den Blick an, während ein leises Atemwegsproblem übersehen wird. Die feste Reihenfolge schützt davor.
- Einmal und fertig: Wer nach dem ersten Durchgang nicht neu beurteilt, bemerkt eine Verschlechterung zu spät.
- Zahlen über den Eindruck stellen: Ein normaler Blutdruck schließt eine Kreislaufstörung nicht aus. Hautfarbe, Rekapillarisierung und Puls gehören dazu.
- D ohne Blutzucker: Bei jeder Bewusstseinsstörung gehört die Blutzuckermessung zum D.
- E vergessen: Ohne Blick auf den ganzen Körper bleiben Verletzungen, Ausschlag oder Unterkühlung unentdeckt.
- Nicht kommunizieren: Befunde laut im Team aussprechen und früh Hilfe nachfordern.
Wissen für die Prüfung festigen: mit den kostenlosen Notfallsanitäter-Prüfungsfragen (Übungsfragen im Stil der Prüfung, keine Original-Prüfungsfragen).
RettungsFuchs: ABCDE bis zur Prüfung üben
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Im Browser starten Im App Store ladenHäufige Fragen
Wofür steht ABCDE?
Für Airway (Atemweg), Breathing (Atmung), Circulation (Kreislauf), Disability (Bewusstsein und neurologischer Zustand) und Exposure/Environment (Entkleiden, Ganzkörperblick, Umgebung).
Was bedeutet „treat first what kills first“?
Wörtlich: „Behandle zuerst, was zuerst tötet.“ Für die Beurteilung heißt das: Was am schnellsten lebensbedrohlich wird, wird zuerst geprüft. Deshalb steht der Atemweg vor der Atmung und die Atmung vor dem Kreislauf; ein Problem bei A hat Vorrang vor allem, was danach kommt.
Was ist der Unterschied zwischen ABCDE und xABCDE?
Bei xABCDE (oder cABCDE) steht ein Buchstabe für die lebensbedrohliche äußere Blutung vor dem Atemweg. Diese Form wird vor allem bei Verletzten verwendet, das PHTLS-Lehrbuch nutzt seit der 9. Auflage XABCDE.
Wird das ABCDE-Schema auch beim Kreislaufstillstand angewendet?
Nein. Reagiert die Person nicht und atmet nicht normal, gilt der Reanimationsablauf nach den Leitlinien. Das ABCDE-Schema ist für Kranke und Verletzte gedacht, die nicht im Kreislaufstillstand sind.
Quellen
- Thim T, Krarup NHV, Grove EL, Rohde CV, Løfgren B: Initial assessment and treatment with the Airway, Breathing, Circulation, Disability, Exposure (ABCDE) approach. Int J Gen Med 2012;5:117–121, DOI 10.2147/IJGM.S28478 (Open Access)
- Resuscitation Council UK: The ABCDE Approach (veröffentlicht 10/2015, aktualisiert 07/2024)
- Glasgow Coma Scale – offizielle Seite der Universität Glasgow (Teasdale et al.)
- European Resuscitation Council: ERC Guidelines 2025, Resuscitation 2025;215 (Executive Summary, DOI 10.1016/j.resuscitation.2025.110770)
- American College of Surgeons, Committee on Trauma: Advanced Trauma Life Support (ATLS), 11. Auflage 2025
- NAEMT: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS), in Zusammenarbeit mit dem ACS Committee on Trauma
- Verlagsbeschreibung zu PHTLS, 9. Auflage (Jones & Bartlett Learning) mit der Merkhilfe XABCDE
- Fudickar A, Wagener K: Ein erweitertes ABCDE-Schema als kognitives Hilfsmittel in Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin. Anästh Intensivmed 2023;64:89–93, DOI 10.19224/ai2023.089
- NAEMT: PHTLS – Prehospital Trauma Life Support, 10. Auflage (Verlagsbeschreibung)
Hinweis: Dieser Ratgeber erklärt die Reihenfolge der Beurteilung und typische Befunde zum Lernen. Er ist keine Behandlungsanleitung und enthält keine Behandlungsempfehlungen. Maßnahmen im Einsatz richten sich nach Leitlinie und Protokoll des Rettungsdienstes. Die Orientierungswerte stammen aus den genannten Quellen (Stand: 23.10.2026).