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Pflegeanamnese: Aufbau und Beispielfragen

Lesezeit ca. 8 Minuten · Für Pflegeausbildung und Pflegeexamen

Von Dr. Pascal Bafteh, Facharzt für Dermatologie und Innere Medizin · Stand 10/2026

Am Anfang jeder Pflege steht ein Gespräch: Wer ist dieser Mensch, was kann er selbst, wobei braucht er Unterstützung, und was ist ihm wichtig? Die Pflegeanamnese sammelt diese Informationen strukturiert – sie ist die Grundlage für Pflegediagnosen und Pflegeplanung. Dieser Ratgeber zeigt den Aufbau Schritt für Schritt und gibt dir Beispielfragen für alle Lebensbereiche.

Kurz gesagt: Die Pflegeanamnese ist das Aufnahmegespräch der Pflege und der erste Schritt des Pflegeprozesses. Sie läuft in sechs Schritten: vorbereiten, eröffnen, offen einsteigen, strukturiert nach einem Pflegemodell erheben (z. B. AEDL oder SIS), Risiken einschätzen, abschließen und dokumentieren. Neben dem Hilfebedarf gehören immer auch die Ressourcen und die Sicht der Person dazu.

Was die Pflegeanamnese ist – und was nicht

Die Pflegeanamnese ist das Aufnahmegespräch der Pflege. Sie ist der erste Schritt des Pflegeprozesses: Ohne sie gibt es keine Pflegediagnosen, keine Ziele und keine Planung. Anders als die ärztliche Anamnese fragt sie weniger nach Krankheiten und Befunden, sondern danach, wie die Person ihren Alltag bewältigt, wo sie Unterstützung braucht, was sie selbst kann und was ihr wichtig ist.

Die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs ist nach § 4 Pflegeberufegesetz eine vorbehaltene Aufgabe von Pflegefachpersonen. Die Ausbildung soll nach der PflAPrV befähigen, allgemeine und spezifische Assessmentverfahren zu nutzen und den Pflegebedarf mit pflegediagnostischen Begriffen zu beschreiben (Anlage 2, Kompetenzbereich I.1).

Aufbau in sechs Schritten

  1. Vorbereiten: Vorhandene Unterlagen lesen (Überleitungsbogen, frühere Aufenthalte), ruhigen Ort und genug Zeit einplanen, bei Sprachbarrieren eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher organisieren.
  2. Eröffnen: Begrüßen, sich mit Namen und Funktion vorstellen, Ziel und Dauer des Gesprächs erklären, fragen, ob Angehörige dabei sein sollen.
  3. Offen einsteigen: Mit einer offenen Frage beginnen, die die Sicht der Person in den Mittelpunkt stellt. Die Strukturierte Informationssammlung (SIS) des Strukturmodells hält diese Sicht in einem eigenen Feld im Originalton fest.
  4. Strukturiert erheben: Die Lebensbereiche nacheinander besprechen – nach dem Modell, das deine Einrichtung nutzt (siehe unten).
  5. Risiken einschätzen: Hinweise auf Sturz, Dekubitus, Schmerz, Mangelernährung oder Inkontinenz aufgreifen. Die DNQP-Expertenstandards sehen dafür zu Beginn des pflegerischen Auftrags eine Einschätzung vor; je nach Einrichtung kommen Instrumente wie die Norton-Skala hinzu.
  6. Abschließen und dokumentieren: Zusammenfassen, offene Fragen klären, nächste Schritte erklären, sich bedanken – und zeitnah dokumentieren: im Krankenhaus nach § 630f BGB, in der Langzeitpflege nach den Vorgaben des SGB XI.

Nach welchem Modell gegliedert wird

Welche Bereiche abgefragt werden, legt die Einrichtung mit ihrem Pflegemodell und ihren Formularen fest. Verbreitet sind:

ModellGliederungTypischer Einsatz
AEDL/ABEDL nach Krohwinkel13 Aktivitäten und existenzielle Erfahrungen des LebensKrankenhaus, Langzeitpflege, Unterricht
ATL nach Juchli12 Aktivitäten des täglichen LebensUnterricht, ältere Formulare
Funktionelle Gesundheitsverhaltensmuster nach Gordon11 Muster, z. B. Ernährung, Ausscheidung, Aktivität, Schlaf, Rollen und Beziehungeninternational, in Verbindung mit Pflegediagnosen
SIS (Strukturmodell)Sicht der Person, fünf Themenfelder (kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Mobilität und Beweglichkeit, krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen, Selbstversorgung, Leben in sozialen Beziehungen) plus ein sechstes je nach Versorgungsform, dazu eine Risikomatrixambulante, teil- und vollstationäre Langzeitpflege

Das sechste Themenfeld der SIS ist im ambulanten Bereich die Haushaltsführung, im stationären Bereich „Wohnen und Häuslichkeit“ (EinSTEP). Die Themenfelder orientieren sich an den Modulen des Begutachtungsinstruments der Pflegeversicherung (§ 14 SGB XI): Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Bewältigung krankheits- oder therapiebedingter Anforderungen sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte.

Beispielfragen nach Lebensbereichen

Die Fragen sind selbst formulierte Beispiele in Alltagssprache. Du musst nicht alle stellen – wähle, was zur Person und zum Anlass passt, und frage nach, wo etwas auffällt.

Einstieg und eigene Sicht

Offene Fragen lassen die Person zuerst selbst erzählen.

Kommunikation und Orientierung

Hier geht es um Sehen, Hören, Sprache, Gedächtnis und Entscheidungen.

Mobilität und Sturz

Bewegung im Alltag, Hilfsmittel und frühere Stürze.

Körperpflege und Kleiden

Gewohnheiten und Hilfebedarf bei der Selbstversorgung.

Essen und Trinken

Appetit, Gewicht, Kauen und Schlucken, Vorlieben.

Ausscheidung

Ein sensibles Thema – sachlich und diskret fragen.

Schlaf und Ruhe

Gewohnheiten, die den Aufenthalt erleichtern.

Schmerz

Schmerz wird erfragt, nicht vermutet; bei Menschen, die sich nicht äußern können, wird beobachtet.

Haut

Hinweise auf Dekubitus- oder Hautrisiken.

Soziales Umfeld, Wohnen und Biografie

Wichtig für Entlassung, Beziehung und Planung.

Glaube, Kultur und Werte

Fragen ohne Annahmen – jeder Mensch beantwortet sie anders.

Gesprächstechnik: so wird aus Fragen ein Gespräch

Typische Fehler

Aus den Ergebnissen entsteht die Pflegeplanung – wie das geht, zeigt der Ratgeber Pflegeplanung nach dem PESR-Schema mit Beispielen. Wissen fürs Examen üben: Pflegeexamen-Prüfungsfragen (Übungsfragen, keine Original-Prüfungsfragen).

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Häufige Fragen

Was gehört in eine Pflegeanamnese?

Die Sicht der Person, ihr Unterstützungsbedarf und ihre Ressourcen in den Lebensbereichen (etwa Kommunikation, Mobilität, Körperpflege, Ernährung, Ausscheidung, Schlaf, Schmerz, soziales Umfeld, Kultur), Hinweise auf Risiken wie Sturz oder Dekubitus sowie wichtige Kontaktpersonen.

Was ist der Unterschied zwischen Pflegeanamnese und ärztlicher Anamnese?

Die ärztliche Anamnese zielt auf Krankheiten, Beschwerden und Befunde. Die Pflegeanamnese fragt, wie die Person ihren Alltag bewältigt, wobei sie Hilfe braucht und was sie selbst kann – sie ist die Grundlage der Pflegeplanung.

Wer darf die Pflegeanamnese erheben?

Die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs ist nach § 4 Pflegeberufegesetz Pflegefachpersonen vorbehalten. Andere Mitarbeitende können Beobachtungen beitragen.

Was ist die SIS?

Die Strukturierte Informationssammlung ist der Einstieg in den Pflegeprozess im Strukturmodell der Langzeitpflege. Sie erfasst die Sicht der pflegebedürftigen Person im Originalton, Themenfelder, die sich an den Modulen der Pflegebegutachtung orientieren, und eine Matrix zur Risikoeinschätzung.

Was mache ich, wenn die Person nicht antworten kann?

Dann stützt sich die Anamnese auf Beobachtung, Unterlagen und Angaben von Angehörigen oder rechtlichen Vertreterinnen und Vertretern. Diese Fremdangaben werden als solche dokumentiert und später, wenn möglich, mit der Person selbst ergänzt.

Quellen

  1. Pflegeberufegesetz (PflBG), § 4 Vorbehaltene Aufgaben, Pflegeprozessverantwortung – gesetze-im-internet.de
  2. Pflegeberufegesetz (PflBG), § 5 Ausbildungsziel – gesetze-im-internet.de
  3. PflAPrV, Anlage 2: Kompetenzen für die staatliche Prüfung (Kompetenzbereich I.1 c: Assessmentverfahren, pflegediagnostische Begriffe) – gesetze-im-internet.de
  4. Sozialgesetzbuch XI, § 14 Begriff der Pflegebedürftigkeit (sechs Bereiche der Begutachtung) – gesetze-im-internet.de
  5. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 630f Dokumentation der Behandlung – gesetze-im-internet.de
  6. Strafgesetzbuch (StGB), § 203 Verletzung von Privatgeheimnissen – gesetze-im-internet.de
  7. EinSTEP – Strukturmodell und Strukturierte Informationssammlung (SIS): Häufige Fragen (Themenfelder, Feld B, Risikomatrix)
  8. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandards und Auditinstrumente
  9. Krohwinkel M: Fördernde Prozesspflege mit integrierten ABEDLs. Bern: Huber 2013 (AEDL-/ABEDL-Strukturmodell)
  10. Gordon M: Nursing Diagnosis: Process and Application. New York: McGraw-Hill 1982 (funktionelle Gesundheitsverhaltensmuster)

Hinweis: Dieser Ratgeber erklärt Aufbau und Gesprächsführung der Pflegeanamnese zum Lernen. Die Beispielfragen sind selbst formuliert. Er enthält keine Arzneimittel, Dosierungen oder Behandlungsempfehlungen; maßgeblich sind das Pflegemodell, die Formulare und die Vorgaben deiner Einrichtung und Pflegeschule (Stand: 23.10.2026).