Pflegeanamnese: Aufbau und Beispielfragen
Am Anfang jeder Pflege steht ein Gespräch: Wer ist dieser Mensch, was kann er selbst, wobei braucht er Unterstützung, und was ist ihm wichtig? Die Pflegeanamnese sammelt diese Informationen strukturiert – sie ist die Grundlage für Pflegediagnosen und Pflegeplanung. Dieser Ratgeber zeigt den Aufbau Schritt für Schritt und gibt dir Beispielfragen für alle Lebensbereiche.
Was die Pflegeanamnese ist – und was nicht
Die Pflegeanamnese ist das Aufnahmegespräch der Pflege. Sie ist der erste Schritt des Pflegeprozesses: Ohne sie gibt es keine Pflegediagnosen, keine Ziele und keine Planung. Anders als die ärztliche Anamnese fragt sie weniger nach Krankheiten und Befunden, sondern danach, wie die Person ihren Alltag bewältigt, wo sie Unterstützung braucht, was sie selbst kann und was ihr wichtig ist.
Die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs ist nach § 4 Pflegeberufegesetz eine vorbehaltene Aufgabe von Pflegefachpersonen. Die Ausbildung soll nach der PflAPrV befähigen, allgemeine und spezifische Assessmentverfahren zu nutzen und den Pflegebedarf mit pflegediagnostischen Begriffen zu beschreiben (Anlage 2, Kompetenzbereich I.1).
Aufbau in sechs Schritten
- Vorbereiten: Vorhandene Unterlagen lesen (Überleitungsbogen, frühere Aufenthalte), ruhigen Ort und genug Zeit einplanen, bei Sprachbarrieren eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher organisieren.
- Eröffnen: Begrüßen, sich mit Namen und Funktion vorstellen, Ziel und Dauer des Gesprächs erklären, fragen, ob Angehörige dabei sein sollen.
- Offen einsteigen: Mit einer offenen Frage beginnen, die die Sicht der Person in den Mittelpunkt stellt. Die Strukturierte Informationssammlung (SIS) des Strukturmodells hält diese Sicht in einem eigenen Feld im Originalton fest.
- Strukturiert erheben: Die Lebensbereiche nacheinander besprechen – nach dem Modell, das deine Einrichtung nutzt (siehe unten).
- Risiken einschätzen: Hinweise auf Sturz, Dekubitus, Schmerz, Mangelernährung oder Inkontinenz aufgreifen. Die DNQP-Expertenstandards sehen dafür zu Beginn des pflegerischen Auftrags eine Einschätzung vor; je nach Einrichtung kommen Instrumente wie die Norton-Skala hinzu.
- Abschließen und dokumentieren: Zusammenfassen, offene Fragen klären, nächste Schritte erklären, sich bedanken – und zeitnah dokumentieren: im Krankenhaus nach § 630f BGB, in der Langzeitpflege nach den Vorgaben des SGB XI.
Nach welchem Modell gegliedert wird
Welche Bereiche abgefragt werden, legt die Einrichtung mit ihrem Pflegemodell und ihren Formularen fest. Verbreitet sind:
| Modell | Gliederung | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| AEDL/ABEDL nach Krohwinkel | 13 Aktivitäten und existenzielle Erfahrungen des Lebens | Krankenhaus, Langzeitpflege, Unterricht |
| ATL nach Juchli | 12 Aktivitäten des täglichen Lebens | Unterricht, ältere Formulare |
| Funktionelle Gesundheitsverhaltensmuster nach Gordon | 11 Muster, z. B. Ernährung, Ausscheidung, Aktivität, Schlaf, Rollen und Beziehungen | international, in Verbindung mit Pflegediagnosen |
| SIS (Strukturmodell) | Sicht der Person, fünf Themenfelder (kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Mobilität und Beweglichkeit, krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen, Selbstversorgung, Leben in sozialen Beziehungen) plus ein sechstes je nach Versorgungsform, dazu eine Risikomatrix | ambulante, teil- und vollstationäre Langzeitpflege |
Das sechste Themenfeld der SIS ist im ambulanten Bereich die Haushaltsführung, im stationären Bereich „Wohnen und Häuslichkeit“ (EinSTEP). Die Themenfelder orientieren sich an den Modulen des Begutachtungsinstruments der Pflegeversicherung (§ 14 SGB XI): Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Bewältigung krankheits- oder therapiebedingter Anforderungen sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte.
Beispielfragen nach Lebensbereichen
Die Fragen sind selbst formulierte Beispiele in Alltagssprache. Du musst nicht alle stellen – wähle, was zur Person und zum Anlass passt, und frage nach, wo etwas auffällt.
Einstieg und eigene Sicht
Offene Fragen lassen die Person zuerst selbst erzählen.
- „Wie geht es Ihnen gerade, und was hat Sie zu uns geführt?“
- „Was ist Ihnen für die Zeit hier besonders wichtig?“
- „Wobei möchten Sie Unterstützung – und was möchten Sie auf jeden Fall selbst machen?“
Kommunikation und Orientierung
Hier geht es um Sehen, Hören, Sprache, Gedächtnis und Entscheidungen.
- „Brauchen Sie eine Brille oder ein Hörgerät? Haben Sie beides dabei?“
- „In welcher Sprache unterhalten Sie sich am liebsten?“
- „Fällt es Ihnen in letzter Zeit schwerer, sich Dinge zu merken?“
- „Gibt es jemanden, der Entscheidungen für Sie trifft, wenn Sie es selbst nicht können – zum Beispiel mit einer Vorsorgevollmacht?“
Mobilität und Sturz
Bewegung im Alltag, Hilfsmittel und frühere Stürze.
- „Wie bewegen Sie sich zu Hause fort – mit oder ohne Hilfsmittel?“
- „Sind Sie in den letzten zwölf Monaten gestürzt? Wie ist das passiert?“
- „Haben Sie Angst zu stürzen?“
- „Können Sie sich im Bett allein umdrehen und allein aufstehen?“
Körperpflege und Kleiden
Gewohnheiten und Hilfebedarf bei der Selbstversorgung.
- „Wie halten Sie es mit der Körperpflege – lieber morgens oder abends, Dusche oder Waschbecken?“
- „Bei welchen Schritten brauchen Sie Hilfe?“
- „Gibt es Pflegeprodukte, die Sie gewohnt sind oder nicht vertragen?“
Essen und Trinken
Appetit, Gewicht, Kauen und Schlucken, Vorlieben.
- „Wie ist Ihr Appetit im Moment?“
- „Haben Sie in letzter Zeit ungewollt abgenommen?“
- „Haben Sie Probleme beim Kauen oder Schlucken, oder verschlucken Sie sich häufiger?“
- „Was essen und trinken Sie gern? Gibt es Speisen, die Sie aus religiösen oder anderen Gründen nicht essen?“
Ausscheidung
Ein sensibles Thema – sachlich und diskret fragen.
- „Wie oft müssen Sie tagsüber und nachts zur Toilette?“
- „Kommt es vor, dass Sie Urin oder Stuhl nicht halten können? Nutzen Sie Hilfsmittel dafür?“
- „Wie regelmäßig ist Ihr Stuhlgang?“
Schlaf und Ruhe
Gewohnheiten, die den Aufenthalt erleichtern.
- „Wann gehen Sie normalerweise schlafen, und wann stehen Sie auf?“
- „Was hilft Ihnen beim Einschlafen?“
- „Wachen Sie nachts auf, und wenn ja, warum?“
Schmerz
Schmerz wird erfragt, nicht vermutet; bei Menschen, die sich nicht äußern können, wird beobachtet.
- „Haben Sie gerade Schmerzen? Wo genau?“
- „Wie stark sind die Schmerzen auf einer Skala von 0 bis 10?“
- „Wobei werden die Schmerzen stärker, und was hilft Ihnen?“
Haut
Hinweise auf Dekubitus- oder Hautrisiken.
- „Haben Sie Wunden oder Stellen, die gerötet sind oder wehtun?“
- „Ist Ihre Haut eher trocken oder empfindlich?“
Soziales Umfeld, Wohnen und Biografie
Wichtig für Entlassung, Beziehung und Planung.
- „Wie wohnen Sie – allein, mit Familie, mit Treppen?“
- „Wer unterstützt Sie zu Hause? Kommt ein Pflegedienst?“
- „Wen dürfen wir über Ihren Aufenthalt informieren?“
- „Was haben Sie beruflich gemacht, was machen Sie gern?“
Glaube, Kultur und Werte
Fragen ohne Annahmen – jeder Mensch beantwortet sie anders.
- „Gibt es religiöse oder kulturelle Gewohnheiten, die wir beachten sollen?“
- „Ist es Ihnen wichtig, von einer Frau oder einem Mann gepflegt zu werden?“
Gesprächstechnik: so wird aus Fragen ein Gespräch
- Erst offen, dann geschlossen: Offene Fragen („Wie …?“, „Was …?“) für die Erzählung, geschlossene Fragen für Details.
- Aktiv zuhören: nicken, nachfragen, mit eigenen Worten zusammenfassen („Habe ich richtig verstanden, dass …?“).
- Eine Frage nach der anderen: keine Fragenketten, keine Fachbegriffe ohne Erklärung.
- Würde und Intimsphäre: Sensible Themen wie Ausscheidung oder Sexualität nicht vor anderen besprechen; die Person darf jede Antwort ablehnen.
- Fremdanamnese kennzeichnen: Was Angehörige berichten, wird als deren Angabe dokumentiert – die Schweigepflicht (§ 203 StGB) gilt auch ihnen gegenüber.
- Kinder nicht als Dolmetscher: Bei Sprachbarrieren möglichst professionell übersetzen lassen.
Typische Fehler
- Formular statt Gespräch: Wer nur Felder abarbeitet, erfährt nichts über das, was der Person wichtig ist.
- Defizite ohne Ressourcen: Die Frage „Was können Sie selbst?“ ist genauso wichtig wie „Wobei brauchen Sie Hilfe?“.
- Annahmen statt Fragen: Alter, Herkunft oder Diagnose verraten nicht, wie jemand leben möchte.
- Einmal und nie wieder: Die Anamnese wird ergänzt, wenn sich die Situation ändert.
- Spät dokumentiert: Erinnerungslücken entstehen schnell – zeitnah festhalten.
Aus den Ergebnissen entsteht die Pflegeplanung – wie das geht, zeigt der Ratgeber Pflegeplanung nach dem PESR-Schema mit Beispielen. Wissen fürs Examen üben: Pflegeexamen-Prüfungsfragen (Übungsfragen, keine Original-Prüfungsfragen).
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Im Browser starten Im App Store ladenHäufige Fragen
Was gehört in eine Pflegeanamnese?
Die Sicht der Person, ihr Unterstützungsbedarf und ihre Ressourcen in den Lebensbereichen (etwa Kommunikation, Mobilität, Körperpflege, Ernährung, Ausscheidung, Schlaf, Schmerz, soziales Umfeld, Kultur), Hinweise auf Risiken wie Sturz oder Dekubitus sowie wichtige Kontaktpersonen.
Was ist der Unterschied zwischen Pflegeanamnese und ärztlicher Anamnese?
Die ärztliche Anamnese zielt auf Krankheiten, Beschwerden und Befunde. Die Pflegeanamnese fragt, wie die Person ihren Alltag bewältigt, wobei sie Hilfe braucht und was sie selbst kann – sie ist die Grundlage der Pflegeplanung.
Wer darf die Pflegeanamnese erheben?
Die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs ist nach § 4 Pflegeberufegesetz Pflegefachpersonen vorbehalten. Andere Mitarbeitende können Beobachtungen beitragen.
Was ist die SIS?
Die Strukturierte Informationssammlung ist der Einstieg in den Pflegeprozess im Strukturmodell der Langzeitpflege. Sie erfasst die Sicht der pflegebedürftigen Person im Originalton, Themenfelder, die sich an den Modulen der Pflegebegutachtung orientieren, und eine Matrix zur Risikoeinschätzung.
Was mache ich, wenn die Person nicht antworten kann?
Dann stützt sich die Anamnese auf Beobachtung, Unterlagen und Angaben von Angehörigen oder rechtlichen Vertreterinnen und Vertretern. Diese Fremdangaben werden als solche dokumentiert und später, wenn möglich, mit der Person selbst ergänzt.
Quellen
- Pflegeberufegesetz (PflBG), § 4 Vorbehaltene Aufgaben, Pflegeprozessverantwortung – gesetze-im-internet.de
- Pflegeberufegesetz (PflBG), § 5 Ausbildungsziel – gesetze-im-internet.de
- PflAPrV, Anlage 2: Kompetenzen für die staatliche Prüfung (Kompetenzbereich I.1 c: Assessmentverfahren, pflegediagnostische Begriffe) – gesetze-im-internet.de
- Sozialgesetzbuch XI, § 14 Begriff der Pflegebedürftigkeit (sechs Bereiche der Begutachtung) – gesetze-im-internet.de
- Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 630f Dokumentation der Behandlung – gesetze-im-internet.de
- Strafgesetzbuch (StGB), § 203 Verletzung von Privatgeheimnissen – gesetze-im-internet.de
- EinSTEP – Strukturmodell und Strukturierte Informationssammlung (SIS): Häufige Fragen (Themenfelder, Feld B, Risikomatrix)
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandards und Auditinstrumente
- Krohwinkel M: Fördernde Prozesspflege mit integrierten ABEDLs. Bern: Huber 2013 (AEDL-/ABEDL-Strukturmodell)
- Gordon M: Nursing Diagnosis: Process and Application. New York: McGraw-Hill 1982 (funktionelle Gesundheitsverhaltensmuster)
Hinweis: Dieser Ratgeber erklärt Aufbau und Gesprächsführung der Pflegeanamnese zum Lernen. Die Beispielfragen sind selbst formuliert. Er enthält keine Arzneimittel, Dosierungen oder Behandlungsempfehlungen; maßgeblich sind das Pflegemodell, die Formulare und die Vorgaben deiner Einrichtung und Pflegeschule (Stand: 23.10.2026).